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#28: Brief an einen Finder in 500 Jahren

Du füllst eine Zeitkapsel mit einem Brief und vergräbst sie in deinem Garten. In 500 Jahren wird sie wieder ausgegraben. Beschreibe in deinem Brief, wie unser Leben im Jahr 2017 abläuft.

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Lieber Finder dieses Briefes,170826Briefan2517

Ich hoffe, du kannst meine Schrift lesen. Ich schreibe mit meiner rechten Hand, und ich habe in der Schule noch gelernt, wie man auf zwei Weisen schreiben kann: mit Schreibschrift oder mit Druckschrift. Die Druckschrift haben wir gelernt, um deutlich schreiben zu können. Die Schreibschrift haben wir gelernt, um schnell und kunstvoll schreiben zu können. Ich bin sehr dankbar dafür, mich auch über meine Handschrift künstlerisch ausdrücken zu können. Schreibt ihr auch noch mit der Hand, oder drückt sich die Individualität eures Denkens über die Farbe oder die Intensität aus, mit denen ihr eure Gedanken zueinander übertragt?

Wir machen im Jahr 2017 überhaupt noch vieles mit der Hand. Wir bereiten unser Essen mit metallischen Geräten auf einer künstlichen Wärmequelle vor und laufen natürlich Gefahr, dass es uns misslingt – erst gestern Abend habe ich einen Bananenkuchen gebacken (bestehend aus Bananen, gemahlenem Weizen, verarbeitetem Zuckerrohrkonzentrat, Hühnereiern, Zimtpulver uvm.). Diesen Kuchen habe ich nur 10 Minuten zu lange im Backofen gehabt, da war er mir schon verbrannt. Ich bin mir sicher, dass ihr im Jahr 2517 solche Probleme nicht mehr habt. Wahrscheinlicher ist, dass ihr einen Sensor in euren herzustellenden Lebensmitteln habt; und in dem Moment, wo es fertig ist, wird der Backofen sofort ausgeschaltet. Dazu beglückwünsche ich euch. Wenn ihr überhaupt noch esst.

Wie oben schon angedeutet, können wir noch nicht automatisch wissen, was der andere denkt. Deshalb müssen wir viel reden; aber das Internet, das gerade erst geschaffen wurde, erleichtert schon vieles. Dennoch geht die Kommunikation manchmal auch gehörig schief deswegen. Das könnte man daran festmachen, dass zum Beispiel immer noch Kriege ausbrechen können, nur weil eine der beiden Seiten die Möglichkeit hat, Informationen zu vertuschen oder sogar zu lügen.

Wir verlassen unsere Häuser größtenteils, um arbeiten zu fahren, einzukaufen oder Angelegenheiten mit der Regierung zu klären. Aber das wird gerade auch alles mehr und mehr umgestellt. Ich vermute, in 50 Jahren verlassen wir das Haus vor allem, um die Natur zu genießen, nicht mehr, weil wir es zum physischen und sozialen Überleben brauchen. Bewegt ihr euch im 26. Jahrhundert überhaupt noch? Nehmt ihr noch die Trennung zwischen Geist und Körper wahr? Viele Menschen haben zur Zeit ganz schön Angst davor, dass wir alle irgendwann nur noch willenlose Körper sein werden, die von einer Matrix gesagt bekommen, was wir zu tun haben; und diese Matrix wiederum entzieht ihnen die Lebensenergie, um selbst weiterzuleben. Ich bin da optimistischer. Wenn ich 500 Jahre zurückschaue, also ins 16. Jahrhundert, als die Menschen gerade begonnen haben, sich auf allen Kontinenten der Erde (wohnt ihr noch hier?) zu vernetzen – wenn ich mir diese Zeit anschaue und mit heute vergleiche, dann sage ich auch: Die Welt hat sich wirklich zum Besseren gewandelt.

Und dennoch: Wir haben immer noch viel Dreck in der Luft und in den Städten; derzeit werden wir Zeuge des Untergangs der Autoindustrie, die mit fosslien Brennstoffen betrieben wird. Gut so. Aber zurück zum Dreck – unsere Regierungen haben es einfach noch nicht geschafft zu gewährleisten, dass jeder Mensch die Bildung erhält, die ihm zusteht. Und so gibt es immer noch Leute, die unbewusst sind und glauben, dass sie sich selbst einen Gefallen tun, wenn sie den Hundehaufen ihres Hundes auf der Straße liegen lassen (das ist ein konkretes Beispiel aus meiner Nachbarschaft).

Wir sind auch immer noch in Nationalstaaten organisiert; und Rassismus ist tatsächlich immer noch ein Problem. Ja, so betrachtet, ist diese Welt immer noch voller Angst, weil noch nicht genügend Leute etwas dafür getan haben, ein Gegenbeispiel zu setzen. Sich psychologisch, neuologisch und spirituell zu bilden. Wir glauben tatsächlich immer noch (unser Hirn ist tatsächlich neurophysiologisch und sozialpsychologisch darauf trainiert), dass Angst ein notwendiger Bestandteil des Lebens ist; und weil viele Menschen das immer noch so hinnehmen, werden Gewalttaten naturalisiert und daraus wiederum entsteht die Möglichkeit zur Projektion. D.h., es ist immer noch legitim, sich angegriffen zu fühlen.

Das alles mag ich aus den Socken hauen, lieber Finder (falls du noch Socken trägst. Barfußschuhe sind hier gerade im Kommen). Ich hoffe, du machst es so, wie viele andere Menschen vor dir und sogar vor mir; und nimmst dir die Beschreibung eines vergangenen Zustandes als Motivation, deine eigene Gegenwart zu verbessern. Falls es für euch inzwischen eine Möglichkeit gibt, mit Verstorbenen zu kommunizieren, würde ich mich sehr freuen, deine Meinung zu meinem Brief zu hören.

So lange verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

deine Laura

 

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Dieser Text ist Teil des Projektes “30 días de escribirme” von der argentinischen Bloggerin Aniko Villalba. Die Übungen findet ihr hier. Aninkos wunderbare Seite (auf Spanisch) findet ihr hier.

#9 – Beschreibe den Tag, an dem du zum ersten Mal eine Person gesehen hast, in die du dich verliebt hast.

Mal wieder eine Geschichte aus dem Nähkästchen. Ich habe die Namen der auftretenden Personen verfälscht, aber sich selbst werden sie sich wahrscheinlich gut erkenne.

Es tut unglaublich gut, solche alten Geschichten aufzuschreiben. Gerade wenn eine Liebesgeschichte nicht schön zu Ende ging, und du selbst immer noch ein wenig trauerst, dann gibt dir das darüber Schreiben ein Stückchen Wirkungskraft zurück – du entscheidest, welcher Teil der Geschichte aufgeschrieben wird, und wer nicht.

Habt alle einen schönen Tag.

Prompt von: https://www.escribir.me/dia-9-escribi-acerca-de-la-primera-vez-que-viste-a-una-persona-de-la-que-te-enamoraste/


Es war Frühjahr und das Frühjahr war voller Energie. Es war die Zeit in der ich zwischen den Übungen des Buches „Der Weg des Künstlers“ und „Ein Kurs in Wundern“ mich befand – wahrscheinlich hatte ich gerade den „Kurs“ angefangen und war noch mental angeheitert von der Freiheit, die ich durch den „Weg des Künstlers“ freigesetzt hatte. Ich traf mich viel mit Dana im Park, ging mit Ariel spazieren und genoss jede freie Minute draußen.

Ariel erzählte mir an einem Tag, dass er abends eine Latino-Party im „Pai Nosso“ besuchen würde und fragte mich, ob ich mitkommen wollte. Ich stimmte zu.

Ich weiß nicht mehr, welche Kleidung ich an dem Abend abzog. Wahrscheinlich einen kurzen Jeansrock und irgendein T-Shirt. Ich traf mich mit Ariel und seinen Klassenkameraden von der Sprachschule inklusive Deutschlehrerin im Lokal. Die Musik machte gute Laune und es war sehr heiß. Ich tanzte ein bisschen mit Ariel und auch alleine. Als wir beim Hinausgehen noch auf einen Bekannten von Ariel trafen, verabschiedete ich mich für einen Moment auf die Toilette.

Als ich wiederkam, stand Ariel immer noch mit diesem Bekannten zusammen. Es war Fernando. Er trug ein blau-rot-kariertes Hemd und eine Bierflasche in der Hand, besonders auffällig war die Kette mit einem silbernen, kreisförmigen Anhänger, die aus dem Hemdkragen lugte. Ich sollte sie später noch oft sehen, oft auch auf seiner nackten Haut. Innerhalb des Kreise war eine Replik des mexikanischen Kriegsgottes eingelassen, weshalb – und wegen seines aufstobenden Temperatments – ich ihm irgendwann den Spitznamen „Guerrero“ – „Krieger“ geben würde.

Ariel stellte uns vor und wir begrüßten uns, in dem ich ihn kurz freundschaftlich umarmte, und er seine Bierflasche zum Gruß hob.

Er sagte, er sei Mexikaner.

Ich schaute ihn groß an. Meine Erinnerungen an das innere und äußere Chaos, das ich ein Jahr zuvor in Mexiko erlebt hatte, wurden plötzlich wieder was. Ich reagierte spaßhaft verzweifelt auf diese Neuigkeit. „Oh Gott, ein Mexikaner!“, rief ich theatralisch. „Yo soy alemana y la alemana se enoja.“

Ich sagte das, weil ich in Mexiko oft verzweifelt und ruhelos gewesen war, und viele der Menschen, die mich damals umgaben, diesen Zustand als „enojada“ – „beleidigt“ wahrgenommen wurde.

Fernando lachte darauf los. Er sei gerade dabei, sich von so einer scheiden zu lassen, ließ er mich wissen. Wir umgarnten uns in diesem Theaterspiel, der eher ernste Ariel stand irgendwann nur noch stumm daneben. Am Ende dieser überschwänglichen Begegnung stand eine Verabredung in Halle am folgenden Tag, um gemeinsam einen gesellschaftspolitischen Film anzusehen. Fernando würde da für das Radio hingehen,  und ich selbst hatte große Lust, mit Menschen in Kontakt zu sein, die Radio machten.

Kino_Halle_Zazie

Übers Schreiben

Dies soll ja nun ein Blog übers Schreiben und zum Schreiben sein. Ja, alle Blogs sind so, ja, das Wort Blog impliziert/beinhaltet ja offensichtlich die menschliche Kulturtechnik des Schreibens. Ich trete diese Tatsache jetzt mal breit.

Schreiben lässt sich viel. Vor allem lässt sich im Deutschen das Wort mit ganz vielen Präfixen schreiben

ab- schreiben (das tut derjenige, der gerade nichts mehr zu schreiben weiß, und sich aus irgendwelchen Gründen aber gedrängt fühlt, noch mehr zu schreiben)
be- schreiben (kannst du entweder deine Füße, deine Hände, dein Blatt Papier im ganz konkreten Sinne mit Tinte [in Chico Buarques Roman “Budapeste” spielt ein Frauen-Beschreiber, der ginôgrafo, eine entscheidende Rolle] oder ein Bild, ein Erlebnis und einen abartigen Geruch mit Kraftausdrücken im abstrakten Sinne)
ver- schreiben (kannst du dich ebenfalls im konkreten Sinne, wenn du danach ein Wort durchstreichen musst [aber das tut ja niemand mehr, weil wir ja alle bloß noch tippen], oder aber du überlässt den Spaß deinem Arzt, wenn du Lust hast auf Antibiotika, Nasenspray und so weiter)
auf- schreiben (ist wiederum einfach: Das, was ich hier gerade mit absonderlichen Ideen tue.)

Gerade das Aufschreiben hat mir in meinem Leben oft als Ausdrucksform dessen gedient, was in mir lebendig ist. Noch stapeln sich in meinem alten Zimmer Tagebücher, die ich als Kind, Jugendliche und nahezu junge Erwachsene, vollgeschrieben habe und in denen ich eben alles aufgeschrieben habe, was mir so durch den Kopf ging. Gerade die allerältesten Schriften lösen in mir immer wieder Erstaunen aus, wie ungefiltert eine Elfjährige ihrem Zorn oder auch ihrem ungeschminktem Egozentrismus freien Lauf lassen kann, wenn sie im Tagebuch alleine unter sich (ja, das Paradox ist Absicht!) ist. Ein Zitat dazu wäre: “Bitte, XXX, bleibe die Freundin, die du jetzt bist! Nämlich meine Zweitbeste!” Gleichzeitig kommt aber auch der Zorn ganz ungefiltert raus, etwas, das wir beim “Erwachsen werden” bzw. beim “mit der Welt immer klarer Kommen” zunächst vielleicht meinen, vergessen oder vermeiden zu müssen: “Und YYY kotzt mich an. Die war heut schon wieder net da. Hab den Klassentagebuchdienst alleine machen können. Schmoll.”

Wenn wir hier und heute noch etwas übers Beschreiben sagen wollen, das ich sozusagen als Gegenteil oder auch nur als nächste Stufe zum Aufschreiben erkannt habe, dann belasse ich es mystisch mit einem Zitat des persischen Diechters Rumi (1207-1273), das ich in der “Gewaltfreien Kommunikation” von Marshall B. Rosenberg gefunden habe:

“Beyong our ideas of right-doing and wrong-doing, there is a field. I’ll meet you there.”

Dieser Blog…

… ist ein Versuch.
Vielleicht kennt jemand den Film “Julie und Julia”. Er ist 2009 erschienen und Meryl Streep spielt mit. Es geht um zwei junge Frauen, die im Kochen viel Leidenschaft entdecken. Die Hauptfigur Julie kochte dabei die Rezepte von Julia nach, schreibt einen Blog darüber und erhält ein Angebot zur Publikation ihres Buches.

Na, wenn das SO einfach ist!!!

Meine Geschichte beginnt vielleicht im Jahr 1998, als ein Mädchen, das vielleicht neun oder zehn Jahre alt ist, gefragt wird, was sie mal werden will (als wäre sie noch nichts!). Ihre Antwort ist eindeutig: Schriftstellerin. Wie sehr hat sie das Aufsatzschreiben doch geliebt in der Grundschule. Ihre Lehrerin war großzügig genug, die Langzeitaufsatzschreiber an den entsprechenden Tagen den ganzen Schultag über schreiben zu lassen, sodass die ersten “veröffentlichten” Schreibereien dieses Mädchens ziemlich lang geworden sind. Nunja. Das Mädchen ist heute 25 Jahre alt, und dieser Wunsch noch genauso lebendig wie die Gedankenstürme im Kopf (auch wenn sich beide [der Kopf und die Gedankenstürme] manchmal in ihrer Lebendigkeit gegenseitig zum Überlaufen bringen wollen). Sie studiert Spanisch und Portugiesisch und schreibt jeden Tag drei Seiten. Verdammt, vom Zuhausevorsichherschreiben bis zur Veröffentlichung – da fehlt mir irgendwie immer noch was!
Was?

… vielleicht dieser Blog.