Posts Tagged: #30diasdeescribmire

#13: Schreibe einen Brief an ein Ich aus der Vergangenheit

Es wird wirklich persönlich. Während der letzten eineinhalb Wochen habe ich aus den verschiedensten Ecken und Ende gehört, dass Menschen meinen Blog lesen. So ist das mit den Internet-Dingen. Wir denken intuitiv, dass die Dinge, die wir im Internet tun, erst einmal nichts mit dem “Ich” des Analoglebens zu tun haben. Wer den Schritt geht, intime Gedanken zu veröffentlichen auf einer eigenen Website, die rechtsgemäß ein Impressum besitzt, der verliert diese Schutzschicht. Das macht ein bisschen Angst – und richtig fühlt es sich dennoch an. Andere Autoren und Bloggern, die ich für authentisch halte (wie etwa Aniko Villalba, oder Hernán Casciari), haben gemeinsam, dass sie mir immer dann besonders gut gefallen, wenn sie persönlich werden. Und auch der mexikanische Schriftsteller, den ich deswegen befragte, bestätigte dies mir: Ja, Laura, antwortete er auf meine Frage, ob man denn sehr persönlich sein müsse, wenn man Schrifsteller werden möchte, ja, man muss wirklich wirklich SEHR persönlich sein.

Also, ich habe euch gewarnt. Hier der Text.


Liebe Zwölfjährige Laura,

Du bist eine ganz schön coole Socke. Ich mag es, wie du deinen eigenen Weg gehst und wie du neugierig bist auf die Welt. Ich mag es, wie du in die Natur gehst und dort mit dir selbst spielst – wie du dich von der Umgebung inspirieren lässt und wie du so ganz versunken deinen Gedanken nachgehst. Ich mag es, wie du auf Bäume kletterst und wie du Stunden im Wasser verbringst, am liebsten tauchend, im Swimming-Pool der Ferienwohnung oder im Freibad. Ich mag, wie du in die Welt hinausstürmst und dich von ihr beschenken lässt. Ich mag die Kleider, die du aussuchst – knallbunt und bequem.

Ein paar Sachen mag ich auch nicht an dir. Ich mag nicht, wie du manchmal mit deinen Freundinnen umgehst. Wie du dich manchmal so sehr in deine Gedankenwelt vertiefst, dass du eine Verabredung verpasst und dass du manchmal froh bist, wenn du wieder alleine bist – sie sind deine Freundinnen und du solltest froh sein, sie zu haben.

Ich weiß aber auch, dass du keine Lust hast, dich zu verstellen und dass du manchmal immer noch Angst hast, unter fremde Leute zu gehen und dich unter ihnen zurechtzufinden. Doch da möchte ich dich ermutigen – trau‘ dir etwas zu! Nimm dir zu Herzen, dass du anderen wichtig bist und dass jeder Schritt auf fremde Leute zu, ein Schritt hin zum Leben hin ist, nach dem du dich so sehr sehnst. Ich weiß, dass du das Leben am liebsten in deiner Traumwelt leben würdest, aber ich, als dein 28-jähriges Ich, sage dir, dass du so nicht glücklich wirst. Deine geistigen und emotionalen Fähigkeiten werden genauso wachsen wie deine geistigen und emotionalen Bedürfnisse. Du wirst weiterhin die Menschen mit deiner Kreativität, deiner Auffassungsgabe und deinem Dickkopf beeindrucken. Du wirst aber auch ihre Gemeinschaft vermissen, wenn du drei Stunden zu lange mit Träumen verbracht hast und die ersten Mädchen deiner Klasse mit Jungs gehen werden. Du wirst die Menschen vermissen, wenn du während der Abi-Zeit Angst hast, auf Partys zu gehen und dich immer noch hinter deiner Schüchternheit versteckst. Du kannst deine Schüchternheit nicht loswerden, indem du zu Hause bleibst.

Dass du in ein paar Jahren zur Theater-AG gehen wirst, das ist super. Dass du zur Zeit noch am liebsten draußen Ball spielst oder Fahrrad fährst, tut dir auch gut. Aber vergiss in deiner Wildheit nicht deine sanfte, verletzliche Seite. Lerne es besser jetzt als später, dass keiner Perfektion lieben, sondern sie immer nur bewundern kann. Ich weiß, dass du weißt, dass deine Intelligenz und Kreativität dir ein paar Bewunderer einbringen – aber warum zeigst du deinen Freunden oder deiner Familie nicht auch deine Ängste? Glaub mir – Nähe entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Verletzlichkeit. Ich weiß, du möchtest das nicht hören. Du möchtest weiter nach vorne rasen und die Welt verschlingen. Ich weiß aber auch, dass du in den nächsten Jahren spüren wirst, dass die Welt nicht immer nach deiner Pfeife tanzt und dass du mit dieser Einbildung auf die Nase fallen wirst. Deswegen: Liebe zwölfjährige Laura, sei ein bisschen netter zu dir selbst. Bitte Mitschüler um Hilfe, die du arrogant findest. Trau dich zuzugeben, dass du auch Deutsch und Rechtschreibung nicht perfekt kannst. Sei offen mit deinen Gefühlen und gönne anderen ihren Erfolg. Du wirst zunächst denken, du verlierst etwas – aber ich weiß, meine Liebe, dass nur diejenigen etwas gewinnen, die sich nicht zu schade sind, zu geben.

Von Herzen,

Deine 28-jährige Laura.

—-

(Dieser Beitrag ist Teil des Projekts “30 días de escribirme” – 30 Tage an mich selbst schreiben. Alle Prompts findet ihr hier: https://www.escribir.me/tag/30-dias-de-escribirme/ )