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#30: Beschreibe deinen Tag in vier Szenen

170901VierSzenen

Übung von Lynda Barry.

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Dies ist die letzte Übung von Aniko Villalbas Challenge “30díasdeescribirme“. Danke an alle fürs Folgen. Ich freue mich über eure Kommentare. Die Einträge werde ich voraussichtlich nächste Woche alle auf dem Blog gesondert speichern. Denn: Ich brauche Platz! Diese Challenge hat mich dazu inspiriert, das regelmäßig Schreiben und Hochladen fortzuführen. Ich habe dazu auch schon ein Thema gefunden und die ersten beiden Einträge stehen schon. Lasst euch überraschen :).

 

#28: Brief an einen Finder in 500 Jahren

Du füllst eine Zeitkapsel mit einem Brief und vergräbst sie in deinem Garten. In 500 Jahren wird sie wieder ausgegraben. Beschreibe in deinem Brief, wie unser Leben im Jahr 2017 abläuft.

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Lieber Finder dieses Briefes,170826Briefan2517

Ich hoffe, du kannst meine Schrift lesen. Ich schreibe mit meiner rechten Hand, und ich habe in der Schule noch gelernt, wie man auf zwei Weisen schreiben kann: mit Schreibschrift oder mit Druckschrift. Die Druckschrift haben wir gelernt, um deutlich schreiben zu können. Die Schreibschrift haben wir gelernt, um schnell und kunstvoll schreiben zu können. Ich bin sehr dankbar dafür, mich auch über meine Handschrift künstlerisch ausdrücken zu können. Schreibt ihr auch noch mit der Hand, oder drückt sich die Individualität eures Denkens über die Farbe oder die Intensität aus, mit denen ihr eure Gedanken zueinander übertragt?

Wir machen im Jahr 2017 überhaupt noch vieles mit der Hand. Wir bereiten unser Essen mit metallischen Geräten auf einer künstlichen Wärmequelle vor und laufen natürlich Gefahr, dass es uns misslingt – erst gestern Abend habe ich einen Bananenkuchen gebacken (bestehend aus Bananen, gemahlenem Weizen, verarbeitetem Zuckerrohrkonzentrat, Hühnereiern, Zimtpulver uvm.). Diesen Kuchen habe ich nur 10 Minuten zu lange im Backofen gehabt, da war er mir schon verbrannt. Ich bin mir sicher, dass ihr im Jahr 2517 solche Probleme nicht mehr habt. Wahrscheinlicher ist, dass ihr einen Sensor in euren herzustellenden Lebensmitteln habt; und in dem Moment, wo es fertig ist, wird der Backofen sofort ausgeschaltet. Dazu beglückwünsche ich euch. Wenn ihr überhaupt noch esst.

Wie oben schon angedeutet, können wir noch nicht automatisch wissen, was der andere denkt. Deshalb müssen wir viel reden; aber das Internet, das gerade erst geschaffen wurde, erleichtert schon vieles. Dennoch geht die Kommunikation manchmal auch gehörig schief deswegen. Das könnte man daran festmachen, dass zum Beispiel immer noch Kriege ausbrechen können, nur weil eine der beiden Seiten die Möglichkeit hat, Informationen zu vertuschen oder sogar zu lügen.

Wir verlassen unsere Häuser größtenteils, um arbeiten zu fahren, einzukaufen oder Angelegenheiten mit der Regierung zu klären. Aber das wird gerade auch alles mehr und mehr umgestellt. Ich vermute, in 50 Jahren verlassen wir das Haus vor allem, um die Natur zu genießen, nicht mehr, weil wir es zum physischen und sozialen Überleben brauchen. Bewegt ihr euch im 26. Jahrhundert überhaupt noch? Nehmt ihr noch die Trennung zwischen Geist und Körper wahr? Viele Menschen haben zur Zeit ganz schön Angst davor, dass wir alle irgendwann nur noch willenlose Körper sein werden, die von einer Matrix gesagt bekommen, was wir zu tun haben; und diese Matrix wiederum entzieht ihnen die Lebensenergie, um selbst weiterzuleben. Ich bin da optimistischer. Wenn ich 500 Jahre zurückschaue, also ins 16. Jahrhundert, als die Menschen gerade begonnen haben, sich auf allen Kontinenten der Erde (wohnt ihr noch hier?) zu vernetzen – wenn ich mir diese Zeit anschaue und mit heute vergleiche, dann sage ich auch: Die Welt hat sich wirklich zum Besseren gewandelt.

Und dennoch: Wir haben immer noch viel Dreck in der Luft und in den Städten; derzeit werden wir Zeuge des Untergangs der Autoindustrie, die mit fosslien Brennstoffen betrieben wird. Gut so. Aber zurück zum Dreck – unsere Regierungen haben es einfach noch nicht geschafft zu gewährleisten, dass jeder Mensch die Bildung erhält, die ihm zusteht. Und so gibt es immer noch Leute, die unbewusst sind und glauben, dass sie sich selbst einen Gefallen tun, wenn sie den Hundehaufen ihres Hundes auf der Straße liegen lassen (das ist ein konkretes Beispiel aus meiner Nachbarschaft).

Wir sind auch immer noch in Nationalstaaten organisiert; und Rassismus ist tatsächlich immer noch ein Problem. Ja, so betrachtet, ist diese Welt immer noch voller Angst, weil noch nicht genügend Leute etwas dafür getan haben, ein Gegenbeispiel zu setzen. Sich psychologisch, neuologisch und spirituell zu bilden. Wir glauben tatsächlich immer noch (unser Hirn ist tatsächlich neurophysiologisch und sozialpsychologisch darauf trainiert), dass Angst ein notwendiger Bestandteil des Lebens ist; und weil viele Menschen das immer noch so hinnehmen, werden Gewalttaten naturalisiert und daraus wiederum entsteht die Möglichkeit zur Projektion. D.h., es ist immer noch legitim, sich angegriffen zu fühlen.

Das alles mag ich aus den Socken hauen, lieber Finder (falls du noch Socken trägst. Barfußschuhe sind hier gerade im Kommen). Ich hoffe, du machst es so, wie viele andere Menschen vor dir und sogar vor mir; und nimmst dir die Beschreibung eines vergangenen Zustandes als Motivation, deine eigene Gegenwart zu verbessern. Falls es für euch inzwischen eine Möglichkeit gibt, mit Verstorbenen zu kommunizieren, würde ich mich sehr freuen, deine Meinung zu meinem Brief zu hören.

So lange verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

deine Laura

 

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Dieser Text ist Teil des Projektes “30 días de escribirme” von der argentinischen Bloggerin Aniko Villalba. Die Übungen findet ihr hier. Aninkos wunderbare Seite (auf Spanisch) findet ihr hier.

#18: Beschreibe, wie du diese Dinge gebrochen hast: ein Herz, einen Knochen, ein Gesetz, ein Versprechen.

#16 Beschreibe das Klima in einer von dir erdachten Welt.

Der Kalender dieser Welt zählt drei Mondjahre. Jedes dieser Mondjahre hat ein anderes Klima, da jeder der drei Monde, die den Planeten dieser Welt umkreisen, eine andere Auswirkung auf die Atmosphäre hat. Im ersten Mondjahr, dem Grünjahr , saugt die grün leuchtende Atmosphäre von Mond Vertes das Wasser der Ozeane an und lässt es in der Luft kondensieren. So leben die Bewohner von Schiertes im ersten Mondjahr in einem tropischen Klima, das ihnen den Anbau von nahrhaften und süßen Obstsorten erlaubt – besonders beliebt sind Weinstöcke, die so hoch werden wie Häuser, und an denen fußballgroße Weintrauben hängen. Dieses Mondjahr dient auch der Kondensierung für Wasser aus der Luft (aufgrund von chemischen Prozessen sind die Regenfälle und die Flüße in dieser Zeit toxisch), die für das täglich Überleben und vor allem für das zweite Mondjahr gebraucht werden.
Im zweiten Mondjahr erscheint der Kaltmond am Nachthimmel. Die Atmosphäre des Kaltmondes – sein überlieferter Name ist Fri-U – begünstigt den Ausbruch von Vulkanen auf Schiertes. Pro Kaltjahr werden etwa sieben Vulkane auf Schiertes aktiv. Asche sammelt sich in der Luft, tagsüber wird die Sonne verdeckt. So wird es nach der fruchtbaren Zeit des Grünmondes kalt auf Schiertes und die Bewohner leben von den im Grünmond angesammelten Früchten. Die Temperaturen fallen im Schnitt um 20 Grad, jedoch nie unter Null. Während des Kaltmondes regnet es auch ab und zu. In diesem Fall ist der Regen sogar ein Segen, denn der technische Fortschritt auf Schiertes ist so weit, dass die Mineralien aus dem Ascheregen extrahiert werden können. Sie dient während der anderen beiden Mondphasen als Dünger für die Felder. Eine neueste technische Entwicklung ist eine Beleuchtung der Felder während Kaltmond, sodass auch während dieser Mondphase Pflanzen gezogen werden können. Sie ist jedoch noch nicht völlig ausgereift, und immer noch verätzen sich Laboranten die Haut bei den Versuchen. Offenbar reagiert auch die Asche in der Luft chemisch mit künstlichem Licht.
Das dritte Mondjahr schließlich nennen die Bewohner von Schiertes Lichtjahr. Während der Zweihundertfünfundsechzig Tage, die dieses Jahr dauert, wächst Mond Grandera beständig am Nachthimmel, so lange, bis er zur Hälfte des Jahres auch tagsüber komplett am Himmel zu sehen ist und das Licht der drei Sonnen, um die Schiertes oszilliert, so hell spiegelt, dass es heller wird als im Grünmond und natürlich noch heller als im Kaltjahr. Die Helligkeit hat viele gute Auswirkungen auf die Bewohner von Schiertes: Sie vertreibt Depression, lässt die Lichtfrüchte wachsen und säubert die Luft von den Aschepartikeln und den letzten toxischen Luftmolekülen aus Grün- und Kaltmond. Nachts regnet es während Lichtmond, wenn die Temperatur sinkt. Tagsüber genießen die Schierter 20 bis 25 Grad und eine angenehme Brise.

 

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Dieser Post ist Teil des Projektes #30diasdeescribirme. Ihr findet die Prompts auf https://www.escribir.me/tag/30-dias-de-escribirme/

#9 – Beschreibe den Tag, an dem du zum ersten Mal eine Person gesehen hast, in die du dich verliebt hast.

Mal wieder eine Geschichte aus dem Nähkästchen. Ich habe die Namen der auftretenden Personen verfälscht, aber sich selbst werden sie sich wahrscheinlich gut erkenne.

Es tut unglaublich gut, solche alten Geschichten aufzuschreiben. Gerade wenn eine Liebesgeschichte nicht schön zu Ende ging, und du selbst immer noch ein wenig trauerst, dann gibt dir das darüber Schreiben ein Stückchen Wirkungskraft zurück – du entscheidest, welcher Teil der Geschichte aufgeschrieben wird, und wer nicht.

Habt alle einen schönen Tag.

Prompt von: https://www.escribir.me/dia-9-escribi-acerca-de-la-primera-vez-que-viste-a-una-persona-de-la-que-te-enamoraste/


Es war Frühjahr und das Frühjahr war voller Energie. Es war die Zeit in der ich zwischen den Übungen des Buches „Der Weg des Künstlers“ und „Ein Kurs in Wundern“ mich befand – wahrscheinlich hatte ich gerade den „Kurs“ angefangen und war noch mental angeheitert von der Freiheit, die ich durch den „Weg des Künstlers“ freigesetzt hatte. Ich traf mich viel mit Dana im Park, ging mit Ariel spazieren und genoss jede freie Minute draußen.

Ariel erzählte mir an einem Tag, dass er abends eine Latino-Party im „Pai Nosso“ besuchen würde und fragte mich, ob ich mitkommen wollte. Ich stimmte zu.

Ich weiß nicht mehr, welche Kleidung ich an dem Abend abzog. Wahrscheinlich einen kurzen Jeansrock und irgendein T-Shirt. Ich traf mich mit Ariel und seinen Klassenkameraden von der Sprachschule inklusive Deutschlehrerin im Lokal. Die Musik machte gute Laune und es war sehr heiß. Ich tanzte ein bisschen mit Ariel und auch alleine. Als wir beim Hinausgehen noch auf einen Bekannten von Ariel trafen, verabschiedete ich mich für einen Moment auf die Toilette.

Als ich wiederkam, stand Ariel immer noch mit diesem Bekannten zusammen. Es war Fernando. Er trug ein blau-rot-kariertes Hemd und eine Bierflasche in der Hand, besonders auffällig war die Kette mit einem silbernen, kreisförmigen Anhänger, die aus dem Hemdkragen lugte. Ich sollte sie später noch oft sehen, oft auch auf seiner nackten Haut. Innerhalb des Kreise war eine Replik des mexikanischen Kriegsgottes eingelassen, weshalb – und wegen seines aufstobenden Temperatments – ich ihm irgendwann den Spitznamen „Guerrero“ – „Krieger“ geben würde.

Ariel stellte uns vor und wir begrüßten uns, in dem ich ihn kurz freundschaftlich umarmte, und er seine Bierflasche zum Gruß hob.

Er sagte, er sei Mexikaner.

Ich schaute ihn groß an. Meine Erinnerungen an das innere und äußere Chaos, das ich ein Jahr zuvor in Mexiko erlebt hatte, wurden plötzlich wieder was. Ich reagierte spaßhaft verzweifelt auf diese Neuigkeit. „Oh Gott, ein Mexikaner!“, rief ich theatralisch. „Yo soy alemana y la alemana se enoja.“

Ich sagte das, weil ich in Mexiko oft verzweifelt und ruhelos gewesen war, und viele der Menschen, die mich damals umgaben, diesen Zustand als „enojada“ – „beleidigt“ wahrgenommen wurde.

Fernando lachte darauf los. Er sei gerade dabei, sich von so einer scheiden zu lassen, ließ er mich wissen. Wir umgarnten uns in diesem Theaterspiel, der eher ernste Ariel stand irgendwann nur noch stumm daneben. Am Ende dieser überschwänglichen Begegnung stand eine Verabredung in Halle am folgenden Tag, um gemeinsam einen gesellschaftspolitischen Film anzusehen. Fernando würde da für das Radio hingehen,  und ich selbst hatte große Lust, mit Menschen in Kontakt zu sein, die Radio machten.

Kino_Halle_Zazie