Posts in Category: Schreiben

Und wenn du glücklich bist

Und wenn du glücklich bist, dann fragst du eigentlich nichts.
Und wenn du glücklich bist, dann bist du es noch nicht einmal.
Es ist keine Aufregung, keine Sucht
Keine Gedränge und keine Suche.
Es ist und es ist
So wie du bist und bist.

#30: Beschreibe deinen Tag in vier Szenen

170901VierSzenen

Übung von Lynda Barry.

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Dies ist die letzte Übung von Aniko Villalbas Challenge “30díasdeescribirme“. Danke an alle fürs Folgen. Ich freue mich über eure Kommentare. Die Einträge werde ich voraussichtlich nächste Woche alle auf dem Blog gesondert speichern. Denn: Ich brauche Platz! Diese Challenge hat mich dazu inspiriert, das regelmäßig Schreiben und Hochladen fortzuführen. Ich habe dazu auch schon ein Thema gefunden und die ersten beiden Einträge stehen schon. Lasst euch überraschen :).

 

#28: Brief an einen Finder in 500 Jahren

Du füllst eine Zeitkapsel mit einem Brief und vergräbst sie in deinem Garten. In 500 Jahren wird sie wieder ausgegraben. Beschreibe in deinem Brief, wie unser Leben im Jahr 2017 abläuft.

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Lieber Finder dieses Briefes,170826Briefan2517

Ich hoffe, du kannst meine Schrift lesen. Ich schreibe mit meiner rechten Hand, und ich habe in der Schule noch gelernt, wie man auf zwei Weisen schreiben kann: mit Schreibschrift oder mit Druckschrift. Die Druckschrift haben wir gelernt, um deutlich schreiben zu können. Die Schreibschrift haben wir gelernt, um schnell und kunstvoll schreiben zu können. Ich bin sehr dankbar dafür, mich auch über meine Handschrift künstlerisch ausdrücken zu können. Schreibt ihr auch noch mit der Hand, oder drückt sich die Individualität eures Denkens über die Farbe oder die Intensität aus, mit denen ihr eure Gedanken zueinander übertragt?

Wir machen im Jahr 2017 überhaupt noch vieles mit der Hand. Wir bereiten unser Essen mit metallischen Geräten auf einer künstlichen Wärmequelle vor und laufen natürlich Gefahr, dass es uns misslingt – erst gestern Abend habe ich einen Bananenkuchen gebacken (bestehend aus Bananen, gemahlenem Weizen, verarbeitetem Zuckerrohrkonzentrat, Hühnereiern, Zimtpulver uvm.). Diesen Kuchen habe ich nur 10 Minuten zu lange im Backofen gehabt, da war er mir schon verbrannt. Ich bin mir sicher, dass ihr im Jahr 2517 solche Probleme nicht mehr habt. Wahrscheinlicher ist, dass ihr einen Sensor in euren herzustellenden Lebensmitteln habt; und in dem Moment, wo es fertig ist, wird der Backofen sofort ausgeschaltet. Dazu beglückwünsche ich euch. Wenn ihr überhaupt noch esst.

Wie oben schon angedeutet, können wir noch nicht automatisch wissen, was der andere denkt. Deshalb müssen wir viel reden; aber das Internet, das gerade erst geschaffen wurde, erleichtert schon vieles. Dennoch geht die Kommunikation manchmal auch gehörig schief deswegen. Das könnte man daran festmachen, dass zum Beispiel immer noch Kriege ausbrechen können, nur weil eine der beiden Seiten die Möglichkeit hat, Informationen zu vertuschen oder sogar zu lügen.

Wir verlassen unsere Häuser größtenteils, um arbeiten zu fahren, einzukaufen oder Angelegenheiten mit der Regierung zu klären. Aber das wird gerade auch alles mehr und mehr umgestellt. Ich vermute, in 50 Jahren verlassen wir das Haus vor allem, um die Natur zu genießen, nicht mehr, weil wir es zum physischen und sozialen Überleben brauchen. Bewegt ihr euch im 26. Jahrhundert überhaupt noch? Nehmt ihr noch die Trennung zwischen Geist und Körper wahr? Viele Menschen haben zur Zeit ganz schön Angst davor, dass wir alle irgendwann nur noch willenlose Körper sein werden, die von einer Matrix gesagt bekommen, was wir zu tun haben; und diese Matrix wiederum entzieht ihnen die Lebensenergie, um selbst weiterzuleben. Ich bin da optimistischer. Wenn ich 500 Jahre zurückschaue, also ins 16. Jahrhundert, als die Menschen gerade begonnen haben, sich auf allen Kontinenten der Erde (wohnt ihr noch hier?) zu vernetzen – wenn ich mir diese Zeit anschaue und mit heute vergleiche, dann sage ich auch: Die Welt hat sich wirklich zum Besseren gewandelt.

Und dennoch: Wir haben immer noch viel Dreck in der Luft und in den Städten; derzeit werden wir Zeuge des Untergangs der Autoindustrie, die mit fosslien Brennstoffen betrieben wird. Gut so. Aber zurück zum Dreck – unsere Regierungen haben es einfach noch nicht geschafft zu gewährleisten, dass jeder Mensch die Bildung erhält, die ihm zusteht. Und so gibt es immer noch Leute, die unbewusst sind und glauben, dass sie sich selbst einen Gefallen tun, wenn sie den Hundehaufen ihres Hundes auf der Straße liegen lassen (das ist ein konkretes Beispiel aus meiner Nachbarschaft).

Wir sind auch immer noch in Nationalstaaten organisiert; und Rassismus ist tatsächlich immer noch ein Problem. Ja, so betrachtet, ist diese Welt immer noch voller Angst, weil noch nicht genügend Leute etwas dafür getan haben, ein Gegenbeispiel zu setzen. Sich psychologisch, neuologisch und spirituell zu bilden. Wir glauben tatsächlich immer noch (unser Hirn ist tatsächlich neurophysiologisch und sozialpsychologisch darauf trainiert), dass Angst ein notwendiger Bestandteil des Lebens ist; und weil viele Menschen das immer noch so hinnehmen, werden Gewalttaten naturalisiert und daraus wiederum entsteht die Möglichkeit zur Projektion. D.h., es ist immer noch legitim, sich angegriffen zu fühlen.

Das alles mag ich aus den Socken hauen, lieber Finder (falls du noch Socken trägst. Barfußschuhe sind hier gerade im Kommen). Ich hoffe, du machst es so, wie viele andere Menschen vor dir und sogar vor mir; und nimmst dir die Beschreibung eines vergangenen Zustandes als Motivation, deine eigene Gegenwart zu verbessern. Falls es für euch inzwischen eine Möglichkeit gibt, mit Verstorbenen zu kommunizieren, würde ich mich sehr freuen, deine Meinung zu meinem Brief zu hören.

So lange verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,

deine Laura

 

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Dieser Text ist Teil des Projektes “30 días de escribirme” von der argentinischen Bloggerin Aniko Villalba. Die Übungen findet ihr hier. Aninkos wunderbare Seite (auf Spanisch) findet ihr hier.

#18: Beschreibe, wie du diese Dinge gebrochen hast: ein Herz, einen Knochen, ein Gesetz, ein Versprechen.

#16 Beschreibe das Klima in einer von dir erdachten Welt.

Der Kalender dieser Welt zählt drei Mondjahre. Jedes dieser Mondjahre hat ein anderes Klima, da jeder der drei Monde, die den Planeten dieser Welt umkreisen, eine andere Auswirkung auf die Atmosphäre hat. Im ersten Mondjahr, dem Grünjahr , saugt die grün leuchtende Atmosphäre von Mond Vertes das Wasser der Ozeane an und lässt es in der Luft kondensieren. So leben die Bewohner von Schiertes im ersten Mondjahr in einem tropischen Klima, das ihnen den Anbau von nahrhaften und süßen Obstsorten erlaubt – besonders beliebt sind Weinstöcke, die so hoch werden wie Häuser, und an denen fußballgroße Weintrauben hängen. Dieses Mondjahr dient auch der Kondensierung für Wasser aus der Luft (aufgrund von chemischen Prozessen sind die Regenfälle und die Flüße in dieser Zeit toxisch), die für das täglich Überleben und vor allem für das zweite Mondjahr gebraucht werden.
Im zweiten Mondjahr erscheint der Kaltmond am Nachthimmel. Die Atmosphäre des Kaltmondes – sein überlieferter Name ist Fri-U – begünstigt den Ausbruch von Vulkanen auf Schiertes. Pro Kaltjahr werden etwa sieben Vulkane auf Schiertes aktiv. Asche sammelt sich in der Luft, tagsüber wird die Sonne verdeckt. So wird es nach der fruchtbaren Zeit des Grünmondes kalt auf Schiertes und die Bewohner leben von den im Grünmond angesammelten Früchten. Die Temperaturen fallen im Schnitt um 20 Grad, jedoch nie unter Null. Während des Kaltmondes regnet es auch ab und zu. In diesem Fall ist der Regen sogar ein Segen, denn der technische Fortschritt auf Schiertes ist so weit, dass die Mineralien aus dem Ascheregen extrahiert werden können. Sie dient während der anderen beiden Mondphasen als Dünger für die Felder. Eine neueste technische Entwicklung ist eine Beleuchtung der Felder während Kaltmond, sodass auch während dieser Mondphase Pflanzen gezogen werden können. Sie ist jedoch noch nicht völlig ausgereift, und immer noch verätzen sich Laboranten die Haut bei den Versuchen. Offenbar reagiert auch die Asche in der Luft chemisch mit künstlichem Licht.
Das dritte Mondjahr schließlich nennen die Bewohner von Schiertes Lichtjahr. Während der Zweihundertfünfundsechzig Tage, die dieses Jahr dauert, wächst Mond Grandera beständig am Nachthimmel, so lange, bis er zur Hälfte des Jahres auch tagsüber komplett am Himmel zu sehen ist und das Licht der drei Sonnen, um die Schiertes oszilliert, so hell spiegelt, dass es heller wird als im Grünmond und natürlich noch heller als im Kaltjahr. Die Helligkeit hat viele gute Auswirkungen auf die Bewohner von Schiertes: Sie vertreibt Depression, lässt die Lichtfrüchte wachsen und säubert die Luft von den Aschepartikeln und den letzten toxischen Luftmolekülen aus Grün- und Kaltmond. Nachts regnet es während Lichtmond, wenn die Temperatur sinkt. Tagsüber genießen die Schierter 20 bis 25 Grad und eine angenehme Brise.

 

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Dieser Post ist Teil des Projektes #30diasdeescribirme. Ihr findet die Prompts auf https://www.escribir.me/tag/30-dias-de-escribirme/

#13: Schreibe einen Brief an ein Ich aus der Vergangenheit

Es wird wirklich persönlich. Während der letzten eineinhalb Wochen habe ich aus den verschiedensten Ecken und Ende gehört, dass Menschen meinen Blog lesen. So ist das mit den Internet-Dingen. Wir denken intuitiv, dass die Dinge, die wir im Internet tun, erst einmal nichts mit dem “Ich” des Analoglebens zu tun haben. Wer den Schritt geht, intime Gedanken zu veröffentlichen auf einer eigenen Website, die rechtsgemäß ein Impressum besitzt, der verliert diese Schutzschicht. Das macht ein bisschen Angst – und richtig fühlt es sich dennoch an. Andere Autoren und Bloggern, die ich für authentisch halte (wie etwa Aniko Villalba, oder Hernán Casciari), haben gemeinsam, dass sie mir immer dann besonders gut gefallen, wenn sie persönlich werden. Und auch der mexikanische Schriftsteller, den ich deswegen befragte, bestätigte dies mir: Ja, Laura, antwortete er auf meine Frage, ob man denn sehr persönlich sein müsse, wenn man Schrifsteller werden möchte, ja, man muss wirklich wirklich SEHR persönlich sein.

Also, ich habe euch gewarnt. Hier der Text.


Liebe Zwölfjährige Laura,

Du bist eine ganz schön coole Socke. Ich mag es, wie du deinen eigenen Weg gehst und wie du neugierig bist auf die Welt. Ich mag es, wie du in die Natur gehst und dort mit dir selbst spielst – wie du dich von der Umgebung inspirieren lässt und wie du so ganz versunken deinen Gedanken nachgehst. Ich mag es, wie du auf Bäume kletterst und wie du Stunden im Wasser verbringst, am liebsten tauchend, im Swimming-Pool der Ferienwohnung oder im Freibad. Ich mag, wie du in die Welt hinausstürmst und dich von ihr beschenken lässt. Ich mag die Kleider, die du aussuchst – knallbunt und bequem.

Ein paar Sachen mag ich auch nicht an dir. Ich mag nicht, wie du manchmal mit deinen Freundinnen umgehst. Wie du dich manchmal so sehr in deine Gedankenwelt vertiefst, dass du eine Verabredung verpasst und dass du manchmal froh bist, wenn du wieder alleine bist – sie sind deine Freundinnen und du solltest froh sein, sie zu haben.

Ich weiß aber auch, dass du keine Lust hast, dich zu verstellen und dass du manchmal immer noch Angst hast, unter fremde Leute zu gehen und dich unter ihnen zurechtzufinden. Doch da möchte ich dich ermutigen – trau‘ dir etwas zu! Nimm dir zu Herzen, dass du anderen wichtig bist und dass jeder Schritt auf fremde Leute zu, ein Schritt hin zum Leben hin ist, nach dem du dich so sehr sehnst. Ich weiß, dass du das Leben am liebsten in deiner Traumwelt leben würdest, aber ich, als dein 28-jähriges Ich, sage dir, dass du so nicht glücklich wirst. Deine geistigen und emotionalen Fähigkeiten werden genauso wachsen wie deine geistigen und emotionalen Bedürfnisse. Du wirst weiterhin die Menschen mit deiner Kreativität, deiner Auffassungsgabe und deinem Dickkopf beeindrucken. Du wirst aber auch ihre Gemeinschaft vermissen, wenn du drei Stunden zu lange mit Träumen verbracht hast und die ersten Mädchen deiner Klasse mit Jungs gehen werden. Du wirst die Menschen vermissen, wenn du während der Abi-Zeit Angst hast, auf Partys zu gehen und dich immer noch hinter deiner Schüchternheit versteckst. Du kannst deine Schüchternheit nicht loswerden, indem du zu Hause bleibst.

Dass du in ein paar Jahren zur Theater-AG gehen wirst, das ist super. Dass du zur Zeit noch am liebsten draußen Ball spielst oder Fahrrad fährst, tut dir auch gut. Aber vergiss in deiner Wildheit nicht deine sanfte, verletzliche Seite. Lerne es besser jetzt als später, dass keiner Perfektion lieben, sondern sie immer nur bewundern kann. Ich weiß, dass du weißt, dass deine Intelligenz und Kreativität dir ein paar Bewunderer einbringen – aber warum zeigst du deinen Freunden oder deiner Familie nicht auch deine Ängste? Glaub mir – Nähe entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Verletzlichkeit. Ich weiß, du möchtest das nicht hören. Du möchtest weiter nach vorne rasen und die Welt verschlingen. Ich weiß aber auch, dass du in den nächsten Jahren spüren wirst, dass die Welt nicht immer nach deiner Pfeife tanzt und dass du mit dieser Einbildung auf die Nase fallen wirst. Deswegen: Liebe zwölfjährige Laura, sei ein bisschen netter zu dir selbst. Bitte Mitschüler um Hilfe, die du arrogant findest. Trau dich zuzugeben, dass du auch Deutsch und Rechtschreibung nicht perfekt kannst. Sei offen mit deinen Gefühlen und gönne anderen ihren Erfolg. Du wirst zunächst denken, du verlierst etwas – aber ich weiß, meine Liebe, dass nur diejenigen etwas gewinnen, die sich nicht zu schade sind, zu geben.

Von Herzen,

Deine 28-jährige Laura.

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(Dieser Beitrag ist Teil des Projekts “30 días de escribirme” – 30 Tage an mich selbst schreiben. Alle Prompts findet ihr hier: https://www.escribir.me/tag/30-dias-de-escribirme/ )

#9 – Beschreibe den Tag, an dem du zum ersten Mal eine Person gesehen hast, in die du dich verliebt hast.

Mal wieder eine Geschichte aus dem Nähkästchen. Ich habe die Namen der auftretenden Personen verfälscht, aber sich selbst werden sie sich wahrscheinlich gut erkenne.

Es tut unglaublich gut, solche alten Geschichten aufzuschreiben. Gerade wenn eine Liebesgeschichte nicht schön zu Ende ging, und du selbst immer noch ein wenig trauerst, dann gibt dir das darüber Schreiben ein Stückchen Wirkungskraft zurück – du entscheidest, welcher Teil der Geschichte aufgeschrieben wird, und wer nicht.

Habt alle einen schönen Tag.

Prompt von: https://www.escribir.me/dia-9-escribi-acerca-de-la-primera-vez-que-viste-a-una-persona-de-la-que-te-enamoraste/


Es war Frühjahr und das Frühjahr war voller Energie. Es war die Zeit in der ich zwischen den Übungen des Buches „Der Weg des Künstlers“ und „Ein Kurs in Wundern“ mich befand – wahrscheinlich hatte ich gerade den „Kurs“ angefangen und war noch mental angeheitert von der Freiheit, die ich durch den „Weg des Künstlers“ freigesetzt hatte. Ich traf mich viel mit Dana im Park, ging mit Ariel spazieren und genoss jede freie Minute draußen.

Ariel erzählte mir an einem Tag, dass er abends eine Latino-Party im „Pai Nosso“ besuchen würde und fragte mich, ob ich mitkommen wollte. Ich stimmte zu.

Ich weiß nicht mehr, welche Kleidung ich an dem Abend abzog. Wahrscheinlich einen kurzen Jeansrock und irgendein T-Shirt. Ich traf mich mit Ariel und seinen Klassenkameraden von der Sprachschule inklusive Deutschlehrerin im Lokal. Die Musik machte gute Laune und es war sehr heiß. Ich tanzte ein bisschen mit Ariel und auch alleine. Als wir beim Hinausgehen noch auf einen Bekannten von Ariel trafen, verabschiedete ich mich für einen Moment auf die Toilette.

Als ich wiederkam, stand Ariel immer noch mit diesem Bekannten zusammen. Es war Fernando. Er trug ein blau-rot-kariertes Hemd und eine Bierflasche in der Hand, besonders auffällig war die Kette mit einem silbernen, kreisförmigen Anhänger, die aus dem Hemdkragen lugte. Ich sollte sie später noch oft sehen, oft auch auf seiner nackten Haut. Innerhalb des Kreise war eine Replik des mexikanischen Kriegsgottes eingelassen, weshalb – und wegen seines aufstobenden Temperatments – ich ihm irgendwann den Spitznamen „Guerrero“ – „Krieger“ geben würde.

Ariel stellte uns vor und wir begrüßten uns, in dem ich ihn kurz freundschaftlich umarmte, und er seine Bierflasche zum Gruß hob.

Er sagte, er sei Mexikaner.

Ich schaute ihn groß an. Meine Erinnerungen an das innere und äußere Chaos, das ich ein Jahr zuvor in Mexiko erlebt hatte, wurden plötzlich wieder was. Ich reagierte spaßhaft verzweifelt auf diese Neuigkeit. „Oh Gott, ein Mexikaner!“, rief ich theatralisch. „Yo soy alemana y la alemana se enoja.“

Ich sagte das, weil ich in Mexiko oft verzweifelt und ruhelos gewesen war, und viele der Menschen, die mich damals umgaben, diesen Zustand als „enojada“ – „beleidigt“ wahrgenommen wurde.

Fernando lachte darauf los. Er sei gerade dabei, sich von so einer scheiden zu lassen, ließ er mich wissen. Wir umgarnten uns in diesem Theaterspiel, der eher ernste Ariel stand irgendwann nur noch stumm daneben. Am Ende dieser überschwänglichen Begegnung stand eine Verabredung in Halle am folgenden Tag, um gemeinsam einen gesellschaftspolitischen Film anzusehen. Fernando würde da für das Radio hingehen,  und ich selbst hatte große Lust, mit Menschen in Kontakt zu sein, die Radio machten.

Kino_Halle_Zazie

Zuhause

Zuhause in Leipzig

Zuhause in Leipzig und wo noch?
Gibt es nicht auch noch ein Auschde
Mit Troggebegge und Zimmerloch?

Gibt es nicht auch Hügel
Und Wein und ihm zu Ehr’ ein Fest?
Und ein paar Blümchen, große und kleine
Und Terrasse mit Sonne und Busch und Vogelnest?

Vielleicht auch am Sonntag die Kirche
Den Kuchen der Schwester
Und der andern Skypegespräche
Manches über die Grünen-Geläster
Und in Straubing einen Spatenstich?

Ist nicht alles normal und gut und richtig
Wenn in der Ferne die Autobahn rauscht?
Wenn gebaut, geschafft und beeilt wird
Und beim Karate trifft die Faust auf Faust?

Am Morgen scheint immer die Sonne
Und deshalb wirst du draußen sitzen
Ihr Licht im Gesicht
Und Müsli essen, noch ohne zu schwitzen.

Am Morgen läuft auch Mamas Waschmaschine
Und das Wellensittich-Gezeter.
Aber meistens sind sie friedlich
Mama verabschiedet sich zum Einkaufen
bis später.

Backbücher im Eckschrank
Orchideenpracht wohin du schaust
Fotos an der Wand von immer
Doch, das ist Beständigkeit
Auf die du baust.

Und Leipzig!
Gib es zu, du hast die gesucht
Die andre Welt jenseits der heilen
Voll von Kippen, Hundekot und Straßenbahnflucht
Und dich nachts durch den Park noch beeilen.

Ohne Bäume auch weniger hübsch
Und ohne Berge auch alles ganz schön flach
Allen Leute erzählst du deine Sehnsucht
Und bist doch ganz schön dankbar danach.

Hoppeln beim Bayrischen Bahnhof
Bremsen auf der Karli am Baustellenbrunnen
Schimpfen “Die Kälte ist so doof!”
Auf dem Weg nach Hause summen.

Übers Schreiben

Dies soll ja nun ein Blog übers Schreiben und zum Schreiben sein. Ja, alle Blogs sind so, ja, das Wort Blog impliziert/beinhaltet ja offensichtlich die menschliche Kulturtechnik des Schreibens. Ich trete diese Tatsache jetzt mal breit.

Schreiben lässt sich viel. Vor allem lässt sich im Deutschen das Wort mit ganz vielen Präfixen schreiben

ab- schreiben (das tut derjenige, der gerade nichts mehr zu schreiben weiß, und sich aus irgendwelchen Gründen aber gedrängt fühlt, noch mehr zu schreiben)
be- schreiben (kannst du entweder deine Füße, deine Hände, dein Blatt Papier im ganz konkreten Sinne mit Tinte [in Chico Buarques Roman “Budapeste” spielt ein Frauen-Beschreiber, der ginôgrafo, eine entscheidende Rolle] oder ein Bild, ein Erlebnis und einen abartigen Geruch mit Kraftausdrücken im abstrakten Sinne)
ver- schreiben (kannst du dich ebenfalls im konkreten Sinne, wenn du danach ein Wort durchstreichen musst [aber das tut ja niemand mehr, weil wir ja alle bloß noch tippen], oder aber du überlässt den Spaß deinem Arzt, wenn du Lust hast auf Antibiotika, Nasenspray und so weiter)
auf- schreiben (ist wiederum einfach: Das, was ich hier gerade mit absonderlichen Ideen tue.)

Gerade das Aufschreiben hat mir in meinem Leben oft als Ausdrucksform dessen gedient, was in mir lebendig ist. Noch stapeln sich in meinem alten Zimmer Tagebücher, die ich als Kind, Jugendliche und nahezu junge Erwachsene, vollgeschrieben habe und in denen ich eben alles aufgeschrieben habe, was mir so durch den Kopf ging. Gerade die allerältesten Schriften lösen in mir immer wieder Erstaunen aus, wie ungefiltert eine Elfjährige ihrem Zorn oder auch ihrem ungeschminktem Egozentrismus freien Lauf lassen kann, wenn sie im Tagebuch alleine unter sich (ja, das Paradox ist Absicht!) ist. Ein Zitat dazu wäre: “Bitte, XXX, bleibe die Freundin, die du jetzt bist! Nämlich meine Zweitbeste!” Gleichzeitig kommt aber auch der Zorn ganz ungefiltert raus, etwas, das wir beim “Erwachsen werden” bzw. beim “mit der Welt immer klarer Kommen” zunächst vielleicht meinen, vergessen oder vermeiden zu müssen: “Und YYY kotzt mich an. Die war heut schon wieder net da. Hab den Klassentagebuchdienst alleine machen können. Schmoll.”

Wenn wir hier und heute noch etwas übers Beschreiben sagen wollen, das ich sozusagen als Gegenteil oder auch nur als nächste Stufe zum Aufschreiben erkannt habe, dann belasse ich es mystisch mit einem Zitat des persischen Diechters Rumi (1207-1273), das ich in der “Gewaltfreien Kommunikation” von Marshall B. Rosenberg gefunden habe:

“Beyong our ideas of right-doing and wrong-doing, there is a field. I’ll meet you there.”

Dieser Blog…

… ist ein Versuch.
Vielleicht kennt jemand den Film “Julie und Julia”. Er ist 2009 erschienen und Meryl Streep spielt mit. Es geht um zwei junge Frauen, die im Kochen viel Leidenschaft entdecken. Die Hauptfigur Julie kochte dabei die Rezepte von Julia nach, schreibt einen Blog darüber und erhält ein Angebot zur Publikation ihres Buches.

Na, wenn das SO einfach ist!!!

Meine Geschichte beginnt vielleicht im Jahr 1998, als ein Mädchen, das vielleicht neun oder zehn Jahre alt ist, gefragt wird, was sie mal werden will (als wäre sie noch nichts!). Ihre Antwort ist eindeutig: Schriftstellerin. Wie sehr hat sie das Aufsatzschreiben doch geliebt in der Grundschule. Ihre Lehrerin war großzügig genug, die Langzeitaufsatzschreiber an den entsprechenden Tagen den ganzen Schultag über schreiben zu lassen, sodass die ersten “veröffentlichten” Schreibereien dieses Mädchens ziemlich lang geworden sind. Nunja. Das Mädchen ist heute 25 Jahre alt, und dieser Wunsch noch genauso lebendig wie die Gedankenstürme im Kopf (auch wenn sich beide [der Kopf und die Gedankenstürme] manchmal in ihrer Lebendigkeit gegenseitig zum Überlaufen bringen wollen). Sie studiert Spanisch und Portugiesisch und schreibt jeden Tag drei Seiten. Verdammt, vom Zuhausevorsichherschreiben bis zur Veröffentlichung – da fehlt mir irgendwie immer noch was!
Was?

… vielleicht dieser Blog.