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##22: Schreibe den inneren Monolog, der immer dann abläuft, wenn du dich zum Schreiben hinsetzst.

Und jetzt soll ich wieder schreiben. Naja, Lust habe ich schon, aber ich bin so müde. Erstmal ein bisschen entspannen und auf FB rumgurken. Da finde ich ja auch immer wieder interessante Ideen und Inspiration für neue Projekte. Ja, es macht Spaß, sich so in den Informationen treiben zu lassen… naja, aber wenn du dich treiben lässt, dann wirst du nichts schreiben. Du weißt, dass alles, was du tust, sich selbst verstärkt, und jeder länger du dich treiben lässt, desto tiefer sinken die Chancen, dass du dich heute Abend noch hinsetzst, um zu schreiben. Und der Computer ist so umständlich: Du musst ihn holen, ihn einstecken; dann das Schreibprogramm öffnen. Warum nicht lieber Musik hören? Das inspiriert dich vielleicht auch! Und dieses Video hier auf FB ist sicherlich super interessant, und auf der Seite dieser Diskussionsgruppe finden sich auch immer viele nützliche Informationen. Und um da nichts zu verpassen, solltest du jetzt eigentlich dein Notizbuch rausholen und dir Notizen machen; aber das ist so mühselig, dafür müsstest du jetzt ersteinmal aufstehen. Lieber schau ich mir das Video in Ruhe an und entspanne ein bisschen. Und schreiben wollte ich ja auch noch. Hm. Also, dieses Video ist wirklich interessant. Wird ja niemanden jucken, ob ich heute noch etwas hochlade oder nicht. Und überhaupt, wer sagt denn, dass das gut ist, was du schreibst? Und warum machst du das überhaupt, so ohne Ziel und ohne festen Rahmen? Also, dieses jeden-Tag-ein-bisschen-was-hochladen, wo soll das hinführen? Das ist doch albern, entspann dich lieber ein bisschen und schau dir das Video an…
Huch, ich bin eingeschlafen. Schreiben stellt zufrieden. Jetzt also doch. Los geht’s.

#21: Beschreibe deine Wurzeln.

  • das Spielen im Freien; am Bach, hintern Haus, auf dem Baumplatz am Weinberg, auf dem Apfelbaum im Abendlicht.
  • deine Großeltern; das Essen deiner Oma: selbstgemachte Maultaschen, Fasetkiechle, Fleischkiechle, Gelberübeneintopf, Kartoffelkuchen, Griesdäpperle, Suppen, Kartoffelsalat. Opa schlachtet die Hasen selbst im Hof. Opas Tiere: Katzen, Schweine, Hasen, und alle ihre Nachkommen. Geschichten vom Krieg. Oma geht ihr Leben lang in den Kirchenchor; genießt die Gemeinschaft. Schwäbisch.
  • das Haus deiner Eltern und dein Zimmer darin. Keine Angst vor Spinnen und Insekten haben und deshalb in den Keller ziehen dürfen. Eis aus den Gefrierfach holen, wann immer mir danach ist. Manchmals nachts große schwarze Spinnen im Flur und doch ein bisschen Angst haben. Musik hören, mit den Freundinnen quatschen, Computer spielen. Weiter Weg zur Toilette. Im Garten des Hauses: die Schaukel, Erdbeeren, Blutpflaumen, die Trauerweide, der Sauerkirschenbaum, auf der Straße vor dem Haus: Volley-, Feder-, Basket-, Völkerball spielen. Die Möbel des Zimmers umstellen, wenn sich etwas ändert.
  • das Tal: Gute Busverbindung; viele Berge, deshalb ist Fahrradfahren immer anstrengend und überall Weinberge. Und wo doch keine Weinberge: da Streuobstwiesen.

LoewensteinerBerge

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Schaut euch die Quelle der Inspiration hier an: https://www.escribir.me/tag/30-dias-de-escribirme/

#20: Beschreibe einen Ort, den du liebst.

Ich liebe es, an meinem Schreibtisch zu sitzen – mit Blick auf meine Schreib-Bücher und die spirituelle Literatur. Ich liebe es, hier zu sitzen und die Schreibtischlampe anzumachen, wenn es draußen dunkler wird. Die Filzstifte liegen hier verstreut zwischen Postkarten, dem Notizbuch und unter dem Tablett. In einer Holzschachtel stapeln sich Origamipapier und Origamikraniche und Origamiseerosen. Unten drunter liegt ein Briefumschlag, die Bücher sind nach rechts gekippt, eines heißt „Lateinamerikanische Literaturgeschichte“, das andere „Diccionario Clave“, das nächste „Mut“, das nächste „Unter Freundinnen“. Das Buchenholz der Tischplatte fühlt sich warm und weich unter meinen Armen an, der Lüftungsventilator des Computers surrt leise. Alle fünfzehn Minuten rattert der Drucker. Das Fenster ist offen und draußen knattert ein Motorrad über das Kopfsteinpflaster. Postkarten hängen am Schrank zu meiner Rechten – aus Norwegen, Italien und zwei mit ermutigenden Sprüchen: „Träume sind zum Jagen da“ und so. Klebestift, Tackerzangenentferner, Washi-Tape, Locher, Brief ans Finanzamt, die Hofmühl-Maß, in der Organgensaft war; mehr Origiami-Kraniche und der Kopfhörer, der mich schon so lange begleitet. Und der Schreibtischstuhl knarzt so schön, wenn ich mich umdrehe, oder auch nur ein bisschen zur Seite wackele. Die USB-Maus fährt hier auch irgendwo rum, die Ohrringe, die ich zum Schreiben abnehme, die Bastelschere, die Speicherkarten, der Glasuntersetzer, das ausgeschnittene Kalenderblatt…
Es wuselt hier auf meinem Schreibtisch, wie in meinem Kopf.

 

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Dies ist mein Eintrag zu Tag 20 dieser Challenge: https://www.escribir.me/dia-20-escribi-acerca-de-un-lugar-que-amas/

#19: Beschreibe fünf Morgenrituale

  1. Sie wacht auf und schaut nach, was sie gerade gedacht hat. Sie denkt über ihre Träume nach und überlegt, was an diesem Tag ansteht.
  2. Sie steht auf, zieht den Vorhang auf und öffnet das Fenster. Tief saugt sie die Morgenluft ein und schaut nach links – ins Stadtzentrum, wo das City-Hochhaus blinkt – und nach rechts, in die südöstlichen Franzen der Stadt. Der nächste Weg führt die Füße in die Küche und die Finger auf den Anknopf des Radios. Deutschlandfunk, bitte.
  3. Sie geht ins Bad, wäscht sich das Gesicht und kommt ins Zimmer zurück. Jetzt beginnt sie mit der Schultergymnastik, von der Ärztin empfohlen. Ununterbrochen seit einer Woche rollt, streckt und dehnt sie ihre Schultern nun schon nach dem Aufstehen. Besser fühlen die Schultern sich jetzt an, und stabiler. Deutschland funkt von Kriegen in Afghanistan, Abschiebungen und dem Wetter.
  4. Es folgt der Blick ins Handy – was ist los auf der Welt? Brasilianische und mexikanische Freunde posten schöne Artikel zu Literatur oder zum Erfolg von NGOs. Interessante Leute aus Deutschland aktualisieren ihre Blogs und wehren sich gegen Vorwürfe. Journalistengenossenschaften veröffentlichen Reportagen, für die sie ein Jahr lang durch China gereist sind. Und nun zur Presseschau.
  5. In der Küche kocht sie Tee und bereit sich (und dem Herzensmenschen, wenn er da ist) das Frühstück zu. Meistens ist das mindestens ein Honigbrot, weitere Marmeladenbrote + vielleicht ein Spiegelei; auf jeden Fall Obst. Und damit endet die Presseschau. Die Redaktion hatte…

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Dieser Post entstand auf Anregung von Aniko Villalba hier.

#17: Schreib über etwas, das du nicht gerne tust.

Ich mag es nicht, Horrorfilme zu schauen oder blutige Geschichten zu lesen. Wenn ich die DVDs aus dem Supermarkt nur von Weitem sehe; wenn ich ein Buchl in der Hand halte, das Blutstropfen auf dem Cover hat; wenn ich den Trailer eines Horrorfilms sehe – da läuft es mir eiskalt den Rücken runter, ich spüre, wie in meinem Bruskorb ein Knoten zu Fußballgröße anwächst. Ich entferne mich und den betreffenden Gegenstand dann möglichst weit weg voneinander – und schaue Dinge, die mich in gute Stimmung versetzen, die eine lebensbejahende Botschaft haben, und – vor allem – von denen ich mir sicher sein kann, dass ich mich ihretwegen nicht schämen, ängstigen oder fürchten muss.

Ich habe einmal einen Horrorfilm gesehen, der in der Londoner U-Bahn gespielt hat. Irgendein Killer war da unterwegs und hat arme Frauen getötet. Natürlich war der Anfang des Films wesentlich spannender als sein Ende – das war wieder sehr an den Haaren herbeigezogen und gekünstelt, in meinen Augen (der Killer hatte ein unterirdisches Labor).

Was mich den ganzen Film über gestört hat, war, dass ich mich permanent in Hab-Acht-Stellung begeben musste, weil ich ja damit rechnen musste, mich jede Sekunde zu erschrecken. Meine Argumentation gegen Horrorfilme ist deswegen diese: Wenn ich weiß, dass ich mich fürchten werde; und wenn ich weiß, dass Furcht oder Angst ein Gefühle sind, die ich gerne vermeiden möchte bzw. bei denen ich mich nicht gut fühle, wenn ich mich fühle – dann kann ich es doch gleich sein lassen, solche Filme und Bücher zu konsumieren. Denn ich möchte keine Angst spüren, wenn es nicht sein muss.

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Dieser Post ist Teil des Projekts “30diasdeescribirme” von Aniko Villalba.

#16 Beschreibe das Klima in einer von dir erdachten Welt.

Der Kalender dieser Welt zählt drei Mondjahre. Jedes dieser Mondjahre hat ein anderes Klima, da jeder der drei Monde, die den Planeten dieser Welt umkreisen, eine andere Auswirkung auf die Atmosphäre hat. Im ersten Mondjahr, dem Grünjahr , saugt die grün leuchtende Atmosphäre von Mond Vertes das Wasser der Ozeane an und lässt es in der Luft kondensieren. So leben die Bewohner von Schiertes im ersten Mondjahr in einem tropischen Klima, das ihnen den Anbau von nahrhaften und süßen Obstsorten erlaubt – besonders beliebt sind Weinstöcke, die so hoch werden wie Häuser, und an denen fußballgroße Weintrauben hängen. Dieses Mondjahr dient auch der Kondensierung für Wasser aus der Luft (aufgrund von chemischen Prozessen sind die Regenfälle und die Flüße in dieser Zeit toxisch), die für das täglich Überleben und vor allem für das zweite Mondjahr gebraucht werden.
Im zweiten Mondjahr erscheint der Kaltmond am Nachthimmel. Die Atmosphäre des Kaltmondes – sein überlieferter Name ist Fri-U – begünstigt den Ausbruch von Vulkanen auf Schiertes. Pro Kaltjahr werden etwa sieben Vulkane auf Schiertes aktiv. Asche sammelt sich in der Luft, tagsüber wird die Sonne verdeckt. So wird es nach der fruchtbaren Zeit des Grünmondes kalt auf Schiertes und die Bewohner leben von den im Grünmond angesammelten Früchten. Die Temperaturen fallen im Schnitt um 20 Grad, jedoch nie unter Null. Während des Kaltmondes regnet es auch ab und zu. In diesem Fall ist der Regen sogar ein Segen, denn der technische Fortschritt auf Schiertes ist so weit, dass die Mineralien aus dem Ascheregen extrahiert werden können. Sie dient während der anderen beiden Mondphasen als Dünger für die Felder. Eine neueste technische Entwicklung ist eine Beleuchtung der Felder während Kaltmond, sodass auch während dieser Mondphase Pflanzen gezogen werden können. Sie ist jedoch noch nicht völlig ausgereift, und immer noch verätzen sich Laboranten die Haut bei den Versuchen. Offenbar reagiert auch die Asche in der Luft chemisch mit künstlichem Licht.
Das dritte Mondjahr schließlich nennen die Bewohner von Schiertes Lichtjahr. Während der Zweihundertfünfundsechzig Tage, die dieses Jahr dauert, wächst Mond Grandera beständig am Nachthimmel, so lange, bis er zur Hälfte des Jahres auch tagsüber komplett am Himmel zu sehen ist und das Licht der drei Sonnen, um die Schiertes oszilliert, so hell spiegelt, dass es heller wird als im Grünmond und natürlich noch heller als im Kaltjahr. Die Helligkeit hat viele gute Auswirkungen auf die Bewohner von Schiertes: Sie vertreibt Depression, lässt die Lichtfrüchte wachsen und säubert die Luft von den Aschepartikeln und den letzten toxischen Luftmolekülen aus Grün- und Kaltmond. Nachts regnet es während Lichtmond, wenn die Temperatur sinkt. Tagsüber genießen die Schierter 20 bis 25 Grad und eine angenehme Brise.

 

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Dieser Post ist Teil des Projektes #30diasdeescribirme. Ihr findet die Prompts auf https://www.escribir.me/tag/30-dias-de-escribirme/

#15: Schreibe über einen Hund, der Teil des Lebens ist/war (und lerne, dich in Form von Bildern zu erinnern)

Ich bin in Ks Zimmer und streichele die Schnauze ihrer Hündin A. Das Zimmer ist abgedunkelt und kühl. Von draußen klingen die Geräusche der Straße und von ein paar Amseln aus dem Garten hinein. As Schnauze ist grau geworden. Ich habe sie kennen gelernt als, sie noch eine junge Hündin war. Die Freundschaft mit K hatte oft daraus bestanden, mit A über die Felder außerhalb unseres Dorfes spazieren zu gehen. Jetzt, wo ich ihre Schnauze streichele, spüre ich, wie die Zeit vergangen ist. Ich besuche K, um sie mal wieder zu sehen und zu erfahren, was sie macht. Ich bin Anfang zwanzig und K sitzt neben mir. Es ist niemand da bei K zu Hause. Hier im Zimmer riecht es wie früher auch schon immer ein bisschen nach Hund und nach frischgewaschener Kleidung. Wir trinken Tee.

#12: Suche dir einen Gegenstand aus deiner Wohnung aus. Beschreibe seine Geschichte.

Es ist schön, diese Übungen zu machen. Noch schöner, auch mal zu pausieren. Deshalb folgt Tag 12 heute, zwei Tage nach Tag 13, die Geschicht eines Gegenstandes in meiner Wohnung.


 

20170531_RegalgeschichteDie goldene Färbung deines Holzes verrät nicht dein Altern. Du stehst zwischen Bruder Tisch und Schwester Schrank, beladen mit Büchern und Zetteln. Du kamst in mein Leben, als ich gerade neu in der Stadt eingezogen war und noch nach einem geeigneten Platz für meine Bücher suchte. Deine große Schwester, die dir schräg gegenüber an der anderen Wand steht, war bereits da, als du ankamst. Ich fand dich auf den Ebay-Kleinanzeigen. Ich fuhr bis den Süden der Stadt mit der Straßenbahn, um dich abzuholen. Du bist gut einen halben Meter lang und etwas weniger hoch. Du bestehte aus vier Brettern, die hochkant stehenden sind nach oben hin abgerundet.

Zunächst stellte ich dich in die hinterste Ecke auf den Fußboden, dort staubten alle Bücher auf dir ein und ich versuchte, dir im Bad Platz zu erschaffen. Doch da brauchtest du zu viel Platz und ich beschloss wieder, dass dies nicht der geeignete Ort für dich war.

In der Zwischenzeit beschäftigte ich mich viel mit Meditation, Religion und vor allem: meinen eigenen Gedanken. Ich stelle das Zimmer um, wie es sich in meinem Leben bisher als zuverlässigen Indikator des inneren Wandels bewiesen hatte, und so hast auch du wieder den Platz gewechselt. Du standest dann nämlich für eine ganze Weile im Eingangsbereich der Wohnung. Ich trug dir auf, meine wertvollsten Bücher zu tragen, und fand es hinreißend, in die Wohnung zu kommen und das vollgestellte Bücherregal zu sehen. Bald sortierte ich auch die Bücher neu (nach Art – Sachbuch, Roman, und Thema); was meine Zufriedenheit jeweils erhöhte.

Bis der nächste Wind des Wandels anstand und ich zwei weitere Möbelstücke ins Haus bekam – einen noch größeren Bruder deinerseits, aus dunklem Holz, und einen großen weißen Schuhschrank, der heute deinen Platz im Eingang einnimmt.

Du stehst seither auf dem Schreibtisch und trägst weiterhin Bücher. Da stehen weiterhin ein paar weniger, dafür sind Locher, Zettelhalter und Unterlagenkartons hinzugekommen. So sehe ich dich heute jeden Tag.

 

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Alle Prompts sind zu finden unter https://www.escribir.me/tag/30-dias-de-escribirme/

# 14: Beschreibe ein Ereignis deines Lebens von hinten nach vorne

Der heutige Prompt ist etwas kürzer. Vielleicht umso effektvoller.


Daniel und ich stehen im Wohnzimmer der Ferienwohnung, tropfnass alle beide. Wir überqueren die Terrasse und gehen zurück zum Swimmingpool. Die das Wasser auf unserer Haut vermehrt sich. Beim Pool angekommen, steigen wir über die Treppenstufen am unteren Ende ins Wasser. Ich nehme ihn in meine Arme. Ich schwimme mit ihm bis zur linken Ecke des Beckens, er beginnt zu prusten und zu paddeln. Ich klettere über den Beckenrand aus dem Wasser und sehe ihn, wie er da paddelt. Ich gehe um den Pool herum und beobachte ihn von dieser Seite aus. Ich wende mich dem Grill der Ferienwohnung zu, und hören einen Ruf und ein platschen. Ich drehe mich nochmal zum Pool und sehe, wie Daniel dort mit seinem Plastikbagger spielt.

Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b5/FreeGreatPicture.com-30424-swimming-pool.jpg

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Der Prompt ist zu finden unter https://www.escribir.me/dia-14-escribi-un-evento-de-atras-para-adelante/

Bildquelle: Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b5/FreeGreatPicture.com-30424-swimming-pool.jpg

#11 Ich erinnere mich…

Bild_Garten_HuehnlesgasseIch erinnere mich an den Weg zum Kindergarten, wie ich im Wengele Blumen pflückte, das heutzutage schon ein für Autos ausgebauter Weg ist.

Ich erinnere mich wie ich auch aus fremder Leute Garten Blumen gepflückt habe und es schön fand, den Sträußen, die entstanden, ein bestimmtes Thema zu geben.

Ich erinnere mich, wie ich mich mit Anfang 20 wieder an diese Eigenschaft erinnerte und wie ich wieder mit Freude begann, auf der Straße Blumen zu pflücken: Löwenzahn, Gänseblümchen, Hahnenfuß…

Ich erinnere mich, wie wir im Kindergarten übernachtet haben und alle Kinder eine kleine Wasserspritze in Form eines Gummitieres geschenkt bekommen haben, und wie ich die Form eines Affens bekam, mit der Begründung meiner Kindergärtnerin Pam „Weil Laura ja selbst manchmal ein kleines Äffle ist“ und wie ich kein Äffle sein wollte und wie ich das Äffchen gegen ein Seepferdchen getauscht habe.

Ich erinnere mich wie ich mit meiner Kindergartenfreundin Lola Barbiepuppen gespielt habe  – Arielle die Meerjungfrau – Frechdachs, der Meerjunge. Ich erinnere mich, wie ich immer Frechdachs spielen sollte und wie ich das albern fand.

Ich erinnere mich wie ich während der Zeit, als ich die Kurs-in-Wundern-Übungen zum ersten Mal machte an diese Episode dachte und meine gesamte sexuelle Orientierung in Frage stellte.

Ich erinnere mich, wie ich dieses in-Frage-Stellen mit einem einfachen Gedankenprotokoll aufheben konnte.

Ich erinnere mich, wie ich bei dieser Freundin Lola immer gerne mit den Plastiksteckperlen Muster legen wollte, und nicht draußen mit den anderen herumtoben.

Ich erinnere mich, dass ich auch draußen herumtobte, aber dass, wenn man mir die Wahl ließ, ich immer die Steckperlen gewählt hätte.

Ich erinnere mich, dass diese Kindergarten- und Grundschulfreundschaft zu Lola sich ab dem Gymnasium in Luft aufzulösen begann.

Ich erinnere mich, dass gegen Ende des Gymnasiums ich die meiste Zeit mit Jana und Jolanda verbrachte, dass wir viel Auto fuhren und dass die Zeit im Nachhinein ziemlich magisch war.

Ich erinnere mich, dass die Abizeit eine Zeit des Lernens und des Vorwärtskommens war.

Ich erinnere mich, dass die Abizeit sich anfühlte wie ein dichter Sog, dem ich mich freudig hingab.

Ich erinnere mich an die Schaukel im Garten meiner Eltern und wie ich mit meinem Klassenkameraden aus der Grundschule (heute würde ich sagen: Freund) auf dieser Schaukel saß und wir uns wunderbar darüber unterhalten konnten, wie wir beide die Angewohnheit hatten, immer sehr schnell zu reden, wenn wir aufgeregt waren.

Ich erinnere mich, dass dieser Jung erst im dritten oder vierten Schuljahr zu uns kam und dass er aus Sachsen kam und dass wir uns alle über ihn lustig machten wegen seines Namens – Robby Werktag – und wegen seines säschsischen Akzentes natürlich.

Ich erinnere mich daran, wie wir in der Mittagschule im Fach „Textiles Werken“ stickten und strickten und häkelten und wie dazu Lieder sangen. Ich erinnere mich, dass ich mich damals zum letzten Mal so aufgehoben gefühlt habe in der Schule – so, als könnte ich wirklich etwas erreichen und als gehörte ich genau dorthin, wo ich war.

Ich erinnere mich, wie große der Schock war, als ich aufs Gymnasium kam und wie plötzlich ganz andere Dinge wichtig waren statt Kreativität und Lebensfreude – cool sein, ein Handy haben, eine gewisse Fernsehsendung schauen, die richtigen Klamotten tragen, die richtige Rucksackmarke besitzen, auf die richtigen Partys eingeladen sein.

Ich erinnere mich, dass ich einmal in mein Tagebuch schrieb: „Ich habe das Leben verlernt.“

Ich erinnere mich, dass ich ab der fünften oder sechsten Klasse nicht mehr so frei und ausgiebig schreiben konnte wie in den Aufsätzen der Grundschulzeit.

Ich erinnere mich, dass ich irgendwann eine tiefe Dankbarkeit meiner Grundschullehrerin Frau Mirkol in der dritten und vierten Klasse verspürte, weil sie uns so viel Raum gelassen hat, kreativ zu sein.

Ich erinnere mich, dass ich bis geraden eben nicht gespürt habe, dass mein Arm wehtut.

Ich erinnere mich, dass ich in der sechsten Klasse erst einen anonymen Liebesbrief, dann einen anonymen Drohbrief erhalten habe.

Ich erinnere mich, dass ich aber fünften und sechsten Klasse ich mich mit Maria anfreundete, deren Mutter Heilpraktikerin war und dass wir uns gut austauschen konnten.

Ich erinnere mich, dass ich eines Mittags zu ihr nach Hause kam – ich habe mich immer sehr wohl gefühlt bei ihr zu Hause, die Wohnung war voller bunter Bilder und interessanter Gegenstände – und ihr Vater kleine Pizzabrote gemacht hatte, und ich eines davon probierte und noch nie in meinem Leben so etwas Scharfes gegessen hatte – die Tränen schossen mir aus den Augen und ich wusste gar nicht, was mit meiner Mundhöhle geschah.

Ich erinnere mich, wie wir auf dem Probenwochenende des Posaunenchors mit den Sitzkissen in den Aufenthaltsräumen Labyrinthe bauten und die Jungs kamen und sie kaputtmachten.

Ich erinnere mich, wie ich auf diesen Freizeiten immer Tischtennis spielen wollte und wie ich immer besser wurde.

Ich erinnere mich, dass ich, als ich beim Vereinstraining des lokalen Tischtennisvereins kam, so viel Scham spürte und Desinteresse, dass ich einmal und dann nie wieder hinging.

Ich erinnere mich, dass ich oft ein sehr in sich gekehrtes Mädchen war.

Ich erinnere mich, dass ich manchmal, als ich schon mein Zimmer im Keller bezogen hatte, im Frühling noch abends durchs Fenster hinausstieg und mich unter die blühenden Obstbäume setzte, ihren Duft einsog und den Mond beobachtete.

Ich erinnere mich, wie ich immer nie die Hausaufgaben machte, und gegen Abend das schlechte Gewissen immer größer wurde, und ich versuchte, noch im Bett etwas zu schreiben und dabei einschlief.

 


Dieser Post ist Teil einer Reihe von Artikeln zu den Prompts, die die argentinische Reise-Bloggerin Aniko Villalba hier veröffentlicht.