#9 – Beschreibe den Tag, an dem du zum ersten Mal eine Person gesehen hast, in die du dich verliebt hast.

Mal wieder eine Geschichte aus dem Nähkästchen. Ich habe die Namen der auftretenden Personen verfälscht, aber sich selbst werden sie sich wahrscheinlich gut erkenne.

Es tut unglaublich gut, solche alten Geschichten aufzuschreiben. Gerade wenn eine Liebesgeschichte nicht schön zu Ende ging, und du selbst immer noch ein wenig trauerst, dann gibt dir das darüber Schreiben ein Stückchen Wirkungskraft zurück – du entscheidest, welcher Teil der Geschichte aufgeschrieben wird, und wer nicht.

Habt alle einen schönen Tag.

Prompt von: https://www.escribir.me/dia-9-escribi-acerca-de-la-primera-vez-que-viste-a-una-persona-de-la-que-te-enamoraste/


Es war Frühjahr und das Frühjahr war voller Energie. Es war die Zeit in der ich zwischen den Übungen des Buches „Der Weg des Künstlers“ und „Ein Kurs in Wundern“ mich befand – wahrscheinlich hatte ich gerade den „Kurs“ angefangen und war noch mental angeheitert von der Freiheit, die ich durch den „Weg des Künstlers“ freigesetzt hatte. Ich traf mich viel mit Dana im Park, ging mit Ariel spazieren und genoss jede freie Minute draußen.

Ariel erzählte mir an einem Tag, dass er abends eine Latino-Party im „Pai Nosso“ besuchen würde und fragte mich, ob ich mitkommen wollte. Ich stimmte zu.

Ich weiß nicht mehr, welche Kleidung ich an dem Abend abzog. Wahrscheinlich einen kurzen Jeansrock und irgendein T-Shirt. Ich traf mich mit Ariel und seinen Klassenkameraden von der Sprachschule inklusive Deutschlehrerin im Lokal. Die Musik machte gute Laune und es war sehr heiß. Ich tanzte ein bisschen mit Ariel und auch alleine. Als wir beim Hinausgehen noch auf einen Bekannten von Ariel trafen, verabschiedete ich mich für einen Moment auf die Toilette.

Als ich wiederkam, stand Ariel immer noch mit diesem Bekannten zusammen. Es war Fernando. Er trug ein blau-rot-kariertes Hemd und eine Bierflasche in der Hand, besonders auffällig war die Kette mit einem silbernen, kreisförmigen Anhänger, die aus dem Hemdkragen lugte. Ich sollte sie später noch oft sehen, oft auch auf seiner nackten Haut. Innerhalb des Kreise war eine Replik des mexikanischen Kriegsgottes eingelassen, weshalb – und wegen seines aufstobenden Temperatments – ich ihm irgendwann den Spitznamen „Guerrero“ – „Krieger“ geben würde.

Ariel stellte uns vor und wir begrüßten uns, in dem ich ihn kurz freundschaftlich umarmte, und er seine Bierflasche zum Gruß hob.

Er sagte, er sei Mexikaner.

Ich schaute ihn groß an. Meine Erinnerungen an das innere und äußere Chaos, das ich ein Jahr zuvor in Mexiko erlebt hatte, wurden plötzlich wieder was. Ich reagierte spaßhaft verzweifelt auf diese Neuigkeit. „Oh Gott, ein Mexikaner!“, rief ich theatralisch. „Yo soy alemana y la alemana se enoja.“

Ich sagte das, weil ich in Mexiko oft verzweifelt und ruhelos gewesen war, und viele der Menschen, die mich damals umgaben, diesen Zustand als „enojada“ – „beleidigt“ wahrgenommen wurde.

Fernando lachte darauf los. Er sei gerade dabei, sich von so einer scheiden zu lassen, ließ er mich wissen. Wir umgarnten uns in diesem Theaterspiel, der eher ernste Ariel stand irgendwann nur noch stumm daneben. Am Ende dieser überschwänglichen Begegnung stand eine Verabredung in Halle am folgenden Tag, um gemeinsam einen gesellschaftspolitischen Film anzusehen. Fernando würde da für das Radio hingehen,  und ich selbst hatte große Lust, mit Menschen in Kontakt zu sein, die Radio machten.

Kino_Halle_Zazie

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