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Aufgaben aus dem VHS-Kurs “Kreatives Schreiben 1″ (1): Beschreibe eine fremde Wohnung und wie dort etwas Unerwartetes gefunden wird

Ich besuche seit dieser Woche einen Kurs bei der Volkshochschule zu kreativem Schreiben. Ich habe mir vorgenommen, die Ergebnisse der Übungen hier jede Woche mit euch zu teilen. Über Rückmeldung freue ich mich sehr! Vielleicht kriegt ihr Lust, die Übungen nachzuempfinden? Man kann überall schreiben!, hat Martina Rellin heute im Workshop “Mini-Schreibkurs” auf der Leipziger Buchmesse verkündet. Also, ein alter Schulblock und ein Kugelschreiber aus dem letzten Bundestagswahlkampf (… oder von der letzten Buchmesse…) reichen; ihr müsst nicht einmal warten, bis der Computer die Updates gemacht hat! ;) Ran an den Stift!

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Ich hatte meine Schwester seit einem Jahr nicht gesehen. Als ich vor der Tür ihrer Wohnung stand, den Türgriff in der Hand und die Schlüssel gezückt, erinnerte ich mich daran, was seit unserem letzten Treffen alles geschehen war: Richards Hochzeit, Sandras Unfall, der Herzinfarkt unserer Vaters. Ich schüttelte mich, um die Trägheit loszuwerden, die mich bei diesen Erinnerungen beschlich. Lisas Wohnung jetzt zu betreten war wie eine Zeitreise. Vor einem Jahr, vor zwei Jahren hatte ich sie regelmäßig in Hamburg besucht. War selbst noch Single gewesen, mit viel Hunger auf die Welt. Dann war sie nach Japan gezogen, zur Familie ihres Partners. Ich schaffte es immer noch nicht, die Türe zu öffnen. Die Erinnerungen drängten immer noch in mein Bewusstsein. So viel Ungesagtes… Ich gab mir einen Ruck. Der Schlüsselbund klirrte, als die Silberlinge gegen das Metall des Türschlosses stieß. Eine Umdrehung, ein Knack des Riegels im Schloss. Eine zweite Umdrehung, ein weiteres Knacken. Ich trat ein.

Der Gang sah noch genau so aus, wie ich mich an ihn erinnerte. Vor einem Jahr hatte ich schon bemängelt, Lisa könnte doch mehr Bilder an die Wand hängen – das war typisch für uns. Ich, die Überquellende, das Leben in mich Hineinstopfende, manchmal etwas Ungestüme, die ihre eigene Wohnung vollhängte mit Fotos, Stadtplänen, Eintrittskarten, Postkarten, Kunstdrucken, mit selbstgemalten Bildern und mit Bildern, die andere gemalt hatten. Und sie. Die Schlichte. Die Ruhige. Das Zen. Die weiße Wand. Die ordentlich aufgestellten Hausschuhe im rechten Winkel zur Wand. Vier Paar Hausschuhe; zwei für Gäste. Japanisch. Durch die Nase sog ich die Luft ein. Altbauduft, Duft nach Holzdielen, feuchten Wänden und nach frischer Füllmasse zwischen den Fließen in Bad und Küche. Ich ehrte japanische Gebräuche, zog meine Straßenschuhe aus und die Hausschuhe an.

Mit der linken Hand stieß ich die Tür zum Bad auf. Der gefließte Raum ohne Tageslichtfenster roch nach abgestandenem Toiletten Wasser und Schimmel, von der Dusche. Die Nasszelle war schwer trocken zu kriegen. Ich seufzte nochmals. Diese alltägliche Sorge ließ die Anspannung von mir fließen.

Im Wohnzimmer angekommen stellte ich fest, dass die Couch noch immer dort stand, wo ich sie zuletzt gesehen hatte. Meine Couch, dachte ich unwillkürlich. In Lisas Bett wollte ich vorerst nicht schlafen. Vielleicht konnte ich es verkaufen. Ich legte mich auf das Sofa. Mein Rücken entspannte sich, als ich das Polster der Sitzfläche des Sofas unter ihm wahrnahm. Ich starrte zur Decke. Weiß. Von dort zur Wand mir gegenüber – wei0. Ich richtete mich wieder auf, ging zum Lichtschalter, betätigte ihn und sah auf die Wan der Fensterseite des Zimmers: Sie war über und über mit Farbe bedeckt. Ich gab ein Grunzen von mir. Wer hatte diese Wand angemalt? Rote Linien ergossen sich in grünen Kreisen, gelbe Punkte hüpften in organgefarbene Flächen, Übergänge zwischen Lila, Lindgrün, Senfgelb, Karminrot und Saphir ergossen sich von links nach rechts, an den Fensterrahmen vorbei, und zurück von rechts nach links…. Wer hatte das gemalt? Meine Zen-Schwester?

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© Bild und Text: Laura Wägerle