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“Falta recenseadores para colher dados” – Sprach(en)politik in fraganti

Die zentralbrasilianische Zeitschrift “Revista Opção” hat ein Interview geführt mit Marco Bagno, Linguistik-Professor an der UnB (Universidade de Brasília). Es erschien in der Ausgab 2087 und behandelt zunächst die zentrale Frage nach der Unabhängigkeit des brasilianischen Sprachsystems vom Portugiesischen; daraus eröffnen sich weitere Felder wie brasilianische Sprach- und Sprachenpolitik, Analfabetismus, Brasiliens Rolle in der Welt, sowie die von brasilianischen Denkern oft konstatierte “Mentalität des Kolonisierten”. (Link zum Interview auf portugiesisch)

Bagno positioniert sich also zunächst politisch: Die Sprache an sich sei neutral, doch seien es die Linguisten, die Stellung zu beziehen hätten. Wer brasilianische Schriftsprache lese, dem müsse früher oder später auffallen, dass sie von Phänomenen durchzogen ist, die wenig bis gar nichts mit der traditionellen, von Portugiesen verfassten Grammatik zu tun habe. Ein Beispiel: In indo-europäischer Tradition ist das europäische Portugiesisch eine SVO-Sprache. Das bedeutet, dass im Satz zunächst derjenige genannt, wird, der die Handlung ausführt, wir nennen das bisher das Subjekt. Anschließend folgt das Verb, also die Handlung. Wenn es darüber hinaus noch ein an der Handlung beteiligtes Element gibt, dann heißt das Objekt (oder in Bagnos bevorzugter Terminologie complemento). Bagnos Beobachtung ist nun, dass im brasilianischen Portugiesischen das Verb immer öfter an erste Stelle gesetzt wird, und dann das Subjekt an die zweite rutscht. Die Folgen davon sind faszinierend und unterscheiden das brasilianische Portugiesisch nicht nur von dem der Portugiesen, sondern auch von allen anderen romanischen Sprachen: die Subjekt-Verb-Konkordanz fällt weg. Das heißt, wenn das Verb im Satz vorne steht, muss es nicht mehr zwangsläufig den Numerus seines eigentliches Subjekts haben – vielmehr übernimmt es eigenständig die Subjekt-Funktion:

“falta recenseadores para colher dados”, ist eines der Beispiele, die er nennt. Auf Deutsch würde gesagt werden: “Es fehlt Volkszählungsbeauftragte um Daten zu erheben.” Also: Verb im Singular, semantisches Subjekt aber im Plural. Das klingt natürlich erst einmal ganz grausig für Ohren, die an anderes gewöhnt sind, auch und gerade in der Übersetzung ins Deutsche. Und doch wird diese Reanalyse, also diese “Umdeutung von einer grammatischen Kategorie in eine andere”, bereits in vielen brasilianischen anerkannten Zeitschriften und Zeitschriften benutzt: dem Correio do Povo aus Campinas zum Beispiel, oder auch in dem Massenmedium Brasiliens schlechthin, O Globo aus Rio den Janeiro. Das aufgeführte Beispiel stammt aus der Zeitung des Konzerns.

Eine solche Verschiebung in der Morphosyntax ist eines von vielen Beispielen, welche Bagno aufführt, und die deutlich machen, weshalb es nachhaltig zu Spannungen zwischen den brasilianischen Linguisten und den portugiesischen Sprachpflegern kommt. Mit der Rechtschreibreform im Jahr 2010, welche einigend auf die offensichtlich auseinandertriftenden “Portugiesische” wirken sollte, tat sich ein weiterer Graben auf: Während die Brasilianer für die Durchführung der neuen Regeln nur 0,5% ihres Wortschatzes anders schreiben mussten (etwa “linguística” anstelle von “lingüística”), war es bei den Portugiesen 1%. Bagno führt diesen Unterschied auf die komplexe Phonologie des europäischen Portugiesisch zurück: für europäische Portugiesisch-Sprecher diene die Rechtschreibung immer noch als Orientierungshilfe für die Aussprache. Steht ein “c” vor “t” in “director”, so wird das vorhegende “e” anders ausgesprochen, als wenn da kein “c” ist. Die Rechtschreibreform verlangt aber, dass “c” abgeschafft wird, wo es nicht ausgesprochen wird (wie es in beiden Ländern beim Wort “director” der Fall ist). So sehen sich nun die Portugiesen mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre Schreibung plötzlich nicht mehr so nah an der Aussprache sein soll – ein Grund zum Protest gegen diese “Verbrasilianisierung” (abrasileirar a língua – die Sprache “verbrasilianisieren”).

Die Ausarbeitung dieser Unterschiede und Bagnos Schlussfolgerungen sowie sein daraus resultierendes, politisches Programm, machen meiner Meinung nach Folgendes deutlich: Sprachen bestehen immer nur in dem Kontext, in welchem ihre Nutzer sie verwenden. Wenn in ein, zwei, oder meinetwegen auch erst mehreren Jahren eine brasilianische Institution entscheidet, dass die Landessprache sich vom europäischen Portugiesisch entkoppeln und zukünftig als eigene Sprache gepflegt und ausgebaut werden soll, dann haben wir es hier mit einem handfesten Fall von “Spracherschaffung” mittels politischem Handeln zu tun. Es kamen die Portugiesen im 16. Jahrhundert in die Ecke der Welt, die heute Brasilien heißt. Sie brachten eine Sprache mit, die Portugiesisch hieß. Dann hieß das Land auf einmal Brasilien, und die Sprache blieb weiterhin “Portugiesisch”. Heute soll sie nicht mehr Portugiesisch heißen. In ein paar Jahren heißt sie vielleicht “Brasilianisch”. Ist sie noch dieselbe Sprache? Was sagt uns das über die allgemeine Natur dessen, was wir “Sprache” nennen? Eine gewagte, näher zu untersuchende These wäre, zu behaupten, dass Sprache überhaupt nur im Kontext unseres Über-Sie-Sprechens existiert und jenseits von politischen, sozialen und kulturellen Zuschreibungen keine Bedeutung, geschweigedenn eine Existenz hat. Das erinnert uns daran, was Judith Butler über das biologische Geschlecht geschrieben hat. Besteht da ein Zusammenhang? Wer weiß… was denkt ihr?