Meine Bestenliste: Bücher zu Spiritualität, Psychologie und Philosophie

Heute früh habe ich darüber nachgedacht, welche Bücher mich bisher weitergebracht haben in meiner gedanklichen Entwicklung. Mit “gedanklicher Entwicklung” meine ich die Häufigkeit, mit der ich es schaffe, mich bewusst gegen Depression und Angst zu entscheiden und mich stattdessen dazu entscheide, mich zu meinem Wohl und zum Wohle aller gut zu fühlen, glücklich zu sein und zu lieben, was ist.

Ihr findet die Liste hier, zukünftig mit einer kleinen Erläuterung zum jeweiligen Titel. (Diese Liste beruht auf eigener Erfahrung und niemand hat mich gesponsert ;)). Für die erste Gruppe habe ich die Beschreibungen bereits fertig, die weiteren werde ich nach und nach ergänzen. Über eure Rückmeldung, das Teilen von eigenen Erfahrungen mit den Titeln, und Ergänzungen freue ich mich sehr.

Gruppe 1: Rein “spirituelle” Literatur
  • Foundation for Inner Peace – Ein Kurs in Wundern
  • Osho – Mut
  • Anthony de Mello – Gott such in allen Dingen
Gruppe 2: Westliche Philosophie, Ethik und Psychologie
  • Erich Fromm – Die Kunst des Liebens
  • Stefanie Stahl – Das Kind in dir muss Heimat finden

Gruppe 3: Kreativität

  • Elizabeth Gilbert – Big Magic
  • Julia Cameron – Der Weg des Künstlers
Gruppe 4: Mischung zwischen Prosa und Spiritualität/Psychologie
  • Elizabeth Gilbert - Eat, Pray, Love
  • Gary Renard – The Disappearance of the Universe
  • Jorge Bucay – Komm, ich erzähl dir eine Geschichte
Gruppe 5: Praxis
  • Marshall T. Rosenberg – Einführung in die Gewaltfreie Kommunikation
  • Byron Katie – The Work & I Need Your Love – Is that True?
  • Pam Grout – E Quadrat & E Quadrat +

17012_Buecher


 

1. Rein “spirituelle” Literatur

  • Foundation for Inner Peace – Ein Kurs in Wundern
    Meine Geschichte mit dem Buch: Zu einem Zeitpunkt in meinem Leben, an dem ich so gar nicht wusste, was mit mir los war – als alle Deutungsmuster nicht mehr passten, als ich nichts verstand von dem, was um mich herum geschah – da fasste ich den Beschluss: So geht es nicht weiter. Du musst hier rauskommen. Und du wirst das nur aus eigener Kraft schaffen. (Es war nichts Weltbewegendes geschehen – Ich war neu in Leipzig und fühlte mich oft einsam. Und diese Einsamkeit war deswegen so schlimm: Ich konnte keinen konkreten Grund für mein Unwohlsein nennen.)Diese Bereitschaft öffnete mich zunächst für Julia Camerons “Weg des Künstlers”. Anschließend wagte ich es, ohne irgendetwas von ihnen zu wissen, diese Übungen anzufangen, von der mir eine Freundin erzählte hatte. Es waren die Übungen aus dem Übungsbuch des “Course in Miracles”.Inhalt und Beschreibung: Die deutsche Übersetzung ist 1230 Seiten stark. Übersetzt aus dem englischen Original haben Margarethe Randow-Tesch und Franchita Cattani. Es geht in ihm darum, unsere Vorstellung von uns selbst als mangelbehaftet und bedürftig loszulassen. Wir sind, so der Kurs in seinem christlich geprägtem Vokabular, so wie Gott uns schuf (Lektion 110). Der Kurs besteht aus einem Textbuch, einem Übungsbuch und einem Handbuch für Lehrer.Ich habe den “Kurs” über die Online-Lektionen für jeden Tag kennen gelernt, die unter www.acim.org zu finden sind. Damals gab es sie ausschließlich auf Englisch, seit etwa einem Jahr sind sie auch auf deutsch, französisch und spanisch online. Diese Übungen sind darauf ausgelegt, unsere alten Gedankenmuster zu durchbrechen und im selben Moment innere Freiheit zu erfahren, die nicht aus der Projektion von Wünschen und Bedürfnissen ins außen besteht. Meiner Erfahrung nach ist die bewusste Verdichtung solcher Moment das Ziel der Übungen, bis wir von allein nicht mehr auf die alten, destruktiven Denkweisen zurückgreifen – eine echte Lebensaufgabe, wie ich inzwischen denke. Zwischen 2013 und 2014 habe ich alle 365 Übungen durchgemacht und immer tieferen inneren Frieden gefunden. Ich entdecke die Übungen zur Zeit wieder. Während ich sie zum ersten Mal durchexerzierte (ja, das ist wirklich HARTE Arbeit! ;)) dachte ich, dass am Ende der 356 Übungen tatsächlich die Erleuchtung auf mich wartet – heute weiß ich, dass sie immer schon auf mich gewartet hat und dass meine Fähigkeit, sie zu erkennen, von meiner Bereitschaft dazu abhängt. Sich die Übungen vorzunehmen ist meiner Meinung nach wirklich etwas für Wildentschlossene – wir müssen bereit sein, in jedem Moment unseres alltäglichen Lebens aufmerksam zu sein.Das Textbuch wiederum vertieft die in den Übungen behandelten Themen. Mein Eindruck war, dass seine Lektüre einem den Geist durchmalmt – zu Beginn habe ich es nur absatzweise lesen können, so anstrengend war es für mich.Zur Standard-Ausgabe des Kurses gehört schließlich noch das “Handbuch für Lehrer”. Ich kann dazu aber nicht viel sagen, weil ich es bis heute noch nicht zu Ende gelesen habe. Je nach Ausgabe gibt es außerdem noch Anhänge zu Psychotherapie und zum Gebet.Ich denke, dass mich der Kurs mein Leben lang begleiten wird. Gerade in Zeiten der Veränderung ist er für mich zu DER Stütze geworden, die mich durch den Wandel trägt und mir wirklichen Halt schenkt.

    Zitat:

    “Nichts Wirkliches kann bedroht werden. Nichts Unwirkliches existiert. Hierin liegt der Friede Gottes.”

    Empfehlung: Wenn ihr in die Tiefe gehen wollt. Wenn ihr gerade nichts Besseres zu tun habt. Wenn ihr Lust habt, euch euren Alltag und eure Denkstrukturen nach Strich und Faden durchwühlen zu lassen.

  • Osho – Mut
    Meine Geschichte mit dem Buch: Ich stand vor dem “Spiritualitäten”-Regal der Großraum-Buchhandlung in der Leipziger Innenstadt und wollte unbedingt ein spirituelles Buch kaufen. Und ich wollte es auf spirituelle Weise kaufen. Also musste der nächstbeste Verkäufer herhalten: “Welches Buch empfehlen Sie mir?”, wollte ich von ihm wissen. Er suchte Ausflüchte, es war kurz vor Ladenschluss – “Ich weiß es nicht, ich kenne mich nicht aus – Die Kollegin, die für diese Abteilung zuständig ist, ist gerade nicht da.” Ich druckste ein wenig herum. Ich wollte eine Antwort von ihm. Er merkte, dass ich nicht aufgeben würde, und zeigte auf die bunten Bände von Osho. “Also, das hier wird oft gekauft”, nuschelte er. Der braun-bunte Band “Mut” war seine Empfehlung. Ich entschloss mich, eben diesen zu beweisen und kaufte es.

    Inhalt:
    Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich dieses Buch des indischen Weisen gelesen habe, doch ich erinne mich gut daran, dass es einen tiefen Eindruck von Freiheit in mir hinterlassen hat. Ich hatte es auf einer Fahrt nach Dresden dabei und nachdem ich es fertiggelesen habe, stand ich auf dem kalten Bahnhof in Dresden-Neustadt und sang fröhlich vor mich hin.Zitat:

Sprich nicht von Unsicherheit, nenne es Freiheit.

  • Anthony de Mello – Gott such in allen Dingen

    Meine Geschichte mit dem Buch: Ich hatte meine Masterarbeit in Sprachwissenschaft abgegeben und war in Sachen Schönheit und Göttlichkeit ein bisschen ausgehungert. Es trieb mich in die Leipziger Innenstadt, genauer, in den Weltladen Connewitz bei der Thomaskirche. Denn: Hier befindet sich eine herrliche Auswahl an schöner Literatur, konsumkritischer Ratgeber und spiritueller Lehrbücher. Ich traf auf “Gott suchen in allen Dingen”, und sowohl sein in warmen Farben gehaltenes Desgin, als auch der Name des Autors und der Titel sprachen mich sofort an.Inhalt: Anthony de Mello ist Jesuitenpater. Er beschreibt in diesem Buch die Meditationen des Ignacio de Loyola, dem Begründer des Jesuiten-Ordens. Diese Meditationen haben viele Ähnlichkeiten mit buddhistischen Lehren und de Mello zieht auch immer wiede parallelen zwischen diesem christlichen Mystizismus und buddhistischen Ansichten. “Gott suchen in allen Dingen” hat mich dazu gebracht, mich den christlichen Wurzeln meiner Kultur wieder näher zu fühlen, und viel, viel Liebe und Dankbarkeit für die Menschen zu empfinden, die wie Anthony de Mello ihr Leben der spirituellen Suche widmen. So können wir alle lernen.Zitat:

Nur, indem wir wir Gottes und Christi Denkweise teilen, entwickeln wir einen Instinkt dafür, was richtig und falsch ist, wo der Geist spricht und wo nicht. Es ist wie mit dem Geschmack für Musik, gute Malerei und Wein  – wir bilden einen Instinkt für die Unterscheidung aus, der sich nicht durch Bücher und Seminar erlernen lässt. Wir lernen die Unterscheidung, indem wir die Tiefen unseres Herzens erkunden.

(Anmerkung: Ich finde es schön, “Gottes und Christi Denkweise” hier als den “jedem Menschen innewohnende ursprüngliche Sinn für das Gute” zu verstehen)


Empfehlung
: Ich empfehle dieses Buch Menschen, die den christlichen Lehren gegenüber aufgeschlossen sind und mehr über die Geistesgeschichte des Christentums und seine verschiedenen Ausprägungen erfahren möchte. Es gibt herrlich viel zu lernen über christliche – spanische, mittelalterliche – Mystik.

2. Westliche Philosphie – Psychologie – Ethik

Meine Geschichte mit dem Buch: Dieses Buch kam wie aus dem Nichts und berührte mich tief. Ich war zum ersten Mal in Mexiko bei meinem damaligen Freund R. Als wir die ersten gemeinsamen Tage in Ciudad Guzmán verbrachten, zog er eines Tages dieses Buch heraus – auf Spanisch, “El Arte de Amar”. Ich war überrascht, ein Buch von einem Autoren mit offensichtlich deutschem Namen mit einem so schönen Titel vor mir zu haben, das ich selbst nicht kannte – und dessen Autor mir auch gar nichts sagte. R. erklärte mir: “Ich dachte mir: ‘Laura kommt hier her. Laura liest viel. Wenn sie hier ist, dann möchte ich auch ein Buch lesen.” Mir schmolz das Herz bei so viel Empathie von seiner Seite. Und doch war ich es, die “Die Kunst zu lieben” auf Spanisch zuerst ausgelesen hatte.

Inhalt: Im großen Ganzen beschreibt der Psychoanalytiker Fromm hier, dass Lieben ein aktiver Akt ist und uns nicht etwa einfach so passiert. Wir müssen aus der passiven Haltung herauskommen, in der wir davon ausgehen, dass Liebe uns “passiert”, und uns immer bewusster werden, dass wir uns stets für die Liebe entscheiden. Und weil die Liebe nach Fromm eine Kunst ist, können wir sie auch üben.

Er zählt in sieben Kapitel verschiedene Formen der Liebe auf und erledigt im selben Aufwasch auch noch einen Streifzug durch die westliche Geistesgeschichte. Besonders in Erinnerung geblieben ist mit seine Ermahnung gegen Ende des Buches, seine Zeit nicht zu vertrödeln und die Zeit, in der wir wach sind, mit offenem Geist zu verweilen. Denn die Liebe beschränkt sich nicht auf das Objekt, das wir lieben, sondern ist eine Geisteshaltung, die permanente Wachsamkeit verlangt.

Ein schönes Zitat ist:

Liebe ist nur möglich, wenn sich zwei Menschen aus der Mitte ihrer Existenz heraus miteinander verbinden, wenn also jeder sich selbst aus der Mitte seiner Existenz heraus erlebt.” (S.119)

Empfehlung: Ich empfehle dieses Buch den Menschen, die am Beginn einer Beziehung stehen oder sich überlegen, wie sie ihrer bereits bestehenden Beziehung mehr Tiefe verleihen können. Auch Interessierten an der westlichen Geistesgeschichte (besonders des 20. Jahrhunderts) kann ich “Die Kunst zu lieben” wirklich empfehlen.

  • Stefanie Stahl – Das Kind in dir muss Heimat findenMeine Geschichte mit dem Buch: “Das wird jetzt das letzte Selbsthilfebuch, das ich lese.”Inhalt: Stefanie Stahl beschreibt mit ihrer Metapher vom “Schatten-” und vom “Sonnenkind” zwei mentale Zustände, die wir alle kennen. Der eine ist unsere verdrängte Angst, die wir erlebten, als wir Kinder waren und von Erwachsenen abhängig. Wenn diese Erwachsenen nicht immer zuverlässig oder gar bedrohlich waren, kann es passieren, dass unser Schattenkind ausgeprägter ist als das Sonnenkind. Das Sonnenkind ist unsere verspielte Seite, die gerne unbekümmert ist und das Leben genießt. Wenn wir oft unter den Schutzmechanismen des Schattenkindes leiden, das uns vor imaginierten Gefahren retten will und dabei hin und wieder unser Leben und unsere Beziehungen durcheinander bringt, dann tut es Not, das Sonnenkind zu stärken. Dies tun wir, indem wir z.B. nachsichtig mit anderen sind, uns selbst öfters etwas Gutes tun und unserem Schattenkind gut zureden, es aber nicht mehr auf den Fahrersitz setzen.

    Zitat:

Es reicht, dass man gern lebt.

Empfehlung: Für Menschen, die noch mit ihren Gedanken und Gefühlen aus der Vergangenheit beschäftigt sind. Das Buch gibt Gelegenheit, Vergangenes zu reflektieren und damit leichter loszulassen.

3. Kreativität

  • Elizabeth Gilbert – Big Magic
  • Das Buch und ich: Es ist ein Hörbuch. Erschienen im September 2016, habe ich es mir in seiner Hörbuchfassung im Dezember dieses Jahres zugelegt. Der Grund war, dass ich mich damals in Brasilien befand und ziemlichen Hunger auf anglophone Kultur hatte – die  irgendwie doch immer noch meine Heimat ist, so gerne ich mich auch gerne mit der romanischen verbandele.
  • Was steht drin? Zunächst das Bonbon der englischsprachigen Hörbuchfassung: Elizabeth Gilbert persönlich hat sie eingelesen. Und der Inhalt ist eine Zusammenfassung dessen, was Gilbert über das kreative Leben denkt. Sie meint, dass “nicht-kreatives” Leben zwar möglich ist – es passiert einfach nichts, wenn wir einer kreativen Eingebung nicht nachgehen – aber dass ein kreatives Leben wesentlich spannender ist. Wonach hat unsere Seele stets Hunger?, so fragt sie. Ihre Antwort lautet: Wunder. Besonders gut gefallen hat mir ihr Bild vom Roadtrip des kreativen Lebens: Wenn sie ein neues Projekt beginnt, setzt sie sich ans Steuer, die Kreativität sitzt auf dem Beifahrersitz und die Angst wird auf den Rücksitz verbannt. Ja – die Angst darf mit. Je mehr wir sie zusammenstauchen, dass sie gefälligst verschwinden soll, desto stärker und unkontrollierbarer wird sie – so Gilbert. Von daher gilt es zu sagen: Ja, liebe Angst, du darfst mitkommen. Aber du darfst auf GAR KEINEN FALL ans Steuer ;).

Was wird besonders Schönes gesagt?

 

It’s all about the yes.

 

Wem würde ich dieses Buch empfehlen? Dieses Buch lege ich allen ans Herz, die einen neuen Anschub und eine Bestätigung brauchen, dass Malen, Basteln, Gärtnern, Kochen, Ball spielen, Nähen, Musik machen, Eislaufen, spazierngehen, Radiosendungen produzieren, … kurz, alles, was Spaß macht, WIRKLICH VON RELEVANZ ist. Und nicht nur, wenn man von diesen Tätigkeiten leben kann – Sie sind relevant, weil man MIT ihnen viel besser leben kann. :)

4. Mischung zwischen Prosa und Spiritualität / Psychologie

5. Praxis

 


Die aufgeführten Links führen bei deutschsprachigen Büchern zur Autoren- bzw. Verlagsseite. Die englischsprachigen Bücher führen zu den Autorenseiten auf Amazon, mit der Ausnahmen von “Ein Kurs in Wundern”, desen Link direkt auf die Seite der Foundation for Inner Peace führt.

“Als wir träumten” – Bei mir zu Hause (~Augmented Reality the Other Way Around~)

160812Meyer_Alswirtraeumten

Clemens Meyer veröffentlichte 2006 den Roman “Als wir träumten” (ja, er hat natürlich Recht, der Titel ist der Hammer!). Es geht um eine Gruppe junger Männer, die ihre Pubertät zu Wendezeiten in Leipzig erleben. Anfang 2015, als ich selbst schon in eineinhalb Jahre in der “Heldenstadt” wohnte, kam der gleichnamige Film in die Kinos. Gestern habe ich nun Meyers Roman zu Ende gelesen. Es war ein kleiner Kraftakt, aber er hat sich wirklich gelohnt.

Zu sagen, ich wäre hingerissen, ist das falsche Wort. Das Buch ist sehr tief reingegangen, es fühlt sich an, als würde man mit jeder Seite, die man liest, tiefer reingezogen in die Geschichte, als würde man fester an die Charaktere gebunden. Sie fühlen sich in meinen Gedanken inzwischen beinahe lebendig an, als würde ich sie persönlich kennen. Vielleicht kenne ich auch ein paar Leute vom Sehen in Leipzig, im Grenzgebiet zwischen Reudnitz und Anger-Crottendorf, wo ich wohne, denen ein ähnliches Schicksal wiederfahren ist wie Danie Lenz und seinen Kumpels in “Als wir träumten”. 160812TaettowiereTorgua_LVZ

Neben Meyers feiner Art, zu erzählen, war das Buch vor allem deshalb eine aufregendes Leseerlebnis für mich, weil ich, ohne es vorher geahnt zu haben,  immer wieder mit Schauplätzen konfrontiert wurde, die ich selbst aus meinem Alltag hier kenne – die alten Fabrikgebäude um den Lena-Vogt-Park herum, das Gebäude der Lotto-GmbH nahe des Ostfriedhofes, der S-Bahn Stötteritz, der Aldi hier um die Ecke, Rudi’s Schreibwarenladen… Augmented Reality, the other way around, könnte man sagen! Also – das Buch greift auf meine tatsächliche Lebensrealität zurück, ohne dass ich das vor dem Lesen hätte ahnen können. Wirklich ein spannendes Erlebnis! [Bilder der Original-Schauplätze, die heute noch identifizierbar sind, folgen]

Danie und seine Kumpels werden im Laufe des Romans auch öfters in den Knast gesteckt, wo sie sich dann tättowieren lassen. Treffenderweise veröffentlichte die LVZ letzte Woche in Interview mit einem Tättowierer aus Torgau – der haargenau DIE Geschichte erzählt, die wir im Roman von Danie und Rico erfahren. Ein Foto des Artikels findet ihr unten.

Also, “Als wir träumten”: Das war für mich in ganz vieler Hinsicht ein tolles Leseerlebnis. Jetzt wartet noch der Film!

 

Alte Medien und neue Inhalte?

Eigentlich sind es zwei alte Medien, von denen ich jetzt schreiben werde. Es geht um einen Kinofilm und ein Comicheft, konkret um “Marsian” mit Matt Damon und “Asterix und die Schriftrolle des Cäsar”. “Marsian”, oder deutsch: “Marsianer” hatte am 8.10.2015 in Deutschland Premiere, “Asterix und die Schriftrolle des Cäsar” ist ebenfalls in diesem Jahr bei Egmont Ehapa Medien GmbH erschienen. Zwar mussten wir uns bei Matt Damon, der den Marsianer Mark Watney spielt, 3-D-Brillen auf die Nase setzen, und mit seinen 148 Minuten ist er auch ein ziemlich langer Film, doch vieles bleibt beim Alten: Wir sitzen in den Sesseln, noch umkriechen uns keine Düfte, die auf uns zufliegenden Mars-Partikel sind nur mäßig realistisch wahrzunehmen (von der zweiten Reihe aus). Was ich wirklich neu und bemerkenswert finde an diesem Film, und vielleicht merkt man daran auch, dass ich schon länger keine richtigen Hollywood-Science-Fiction-Blockbuster gesehen habe, sind folgende Punkte: Der Leiter der Mars-Mission der NASA ist Schwarzer [als ich vor ca. 10 Jahren noch regelmäßiger ins Kino gegangen bin, wäre diese Rolle mit einem glattrasierten Weißen besetzt gewesen]. Die Kommandantin der Crew auf dem Mars und in der Raumfähre Hermes ist eine Frau (und es ist noch eine weitere dabei). Als Gegenspieler der USA tauchen zunächst nicht die Russen auf [sie tauchen gar nicht auf]; diesen Part haben die Chinesen übernommen, aber die werden wiederum lieb und kooperieren mit den US-Amerikanern, um Mark Watney nach Hause zu holen. Und, ganz wichtig: Es gibt keinen Sex im Film.

Alles in allem lässt sich also sagen, dass sich in diesem Film ein sich wandelndes Weltbild finden lässt, wenn man, wie ich ;), danach sucht. Oder zumindest eines, das sich einer sich wandelnden Welt angepasst hat.

Was Asterix betrifft, so pack ich an dieser Stelle meine Literaturwissenschaftskenntnisse aus. Der neue Band ist Metafiktion pur. Und zwar ist er das aus zweierlei Gründen: Erstens wird Cäsars Werk “De Bello Gallico” erwähnt [ja, genau das, in dem der Autor selbst von sich ständig in der dritten Person spricht]; und zweitens tauchen die Schöpfer der Comicserie am Ende des Heftes selbst im Comic auf. Das Papyrus des Cäsars ist nämlich [und an dieser Stelle hören bitte Menschen zu lesen auf, die sich den Band noch persönlich vorknöpfen wollen] der unterschlagene Teil des Bello Gallico, welchen Cäsars PR-Berater lieber nicht veröffentlich sehen wollte. Cäsar schreibt in diesem Teil nämlich von seinen Niederlagen gegen die Gallier in Asterix’ und Obelix’ Dorf [was an dieser Stelle von meiner Seite als ein Pluspunkt an die Figur des Cäsars in der Geschichte zu werten ist und damit ein Lob an die Autoren]. Jener PR-Berater Syndicus ordnet an, dass alle bereits kopierten Schriftrollen zerstört werden, was ihm natürlich misslingt. Eine davon gelangt in Asterix’ Dorf. Das Ende vom Lied ist, und hier dockt der zweite Metafiktionalitätspunkt an, den ich sehe, dass die Schriftrolle über Miraculix’ Druidengilde bis in unsere heutige Zeit oral weitergegeben wird, bis wir -tralala- auf der letzten Seite des Heftes eben betrachten können, wie ein langhaariger, alter weißer Mann zwei Jungen Journalisten diese Geschichten erzählt. Hier haben wir den Entstehungsmythos der Asterix-Hefte, selbst in einem Heft erzählt.

Ist der erste Punkt eigentlich charakteristisch und wahrscheinlich das Erfolgsgeheimnis für die Asterix-Serie, nämlich, dass Elemente aus der römischen Geschichte in Europa in die Geschichte um das gallische Dorf eingewoben werden, so ist der zweite Punkt meines Wissens nach zumindest neu: Dass die beiden bereits verstorbenen Autoren René Goscinny und Albert Uderzo im Heft selbst auftauchen, kitzelt den Leser ganz schön, sorgt für ein überraschendes Aha-Erlebnis und macht das Heft damit zu einer für mich sehr positiven Überraschung. Von allen anderen gelungenen Anspielungen, die das Heft ebenfalls lesenswert machen, erzählt euch z.B. die Wikipedia.

Auch wenn beide Formate also, wie gesagt, eher alt und noch konventionell sind, haben mich doch ihre Inhalte sehr positiv überrascht. Ich freue mich, dass es solche Art von Unterhaltung gibt.

(Fortsetzung) Gedankenexperiment II: Die Kresse

Es gab Ergebnisse. Ich habe das Kresse-Experiment etwa eine Woche nachdem dazu gehörigen Eintrag beendet. Das Ergebnis seht ihr unten. Außerdem habe ich es auch auf eine meiner liebsten Zimmerpflanzen ausweiten können (drittes Foto). Sie ist etwas anspruchsvoller als die Kresse: Sie hat während der letzten zwei Monate so vor sich hergelummelt. Bis ich mich dazu entschieden habe, dass das so nicht weitergeht. Seitdem schenke ich ihr nicht nur mehrmals pro Woche ein bisschen Wasser (nicht so wie die Orchideen, denen einmal die Woche reicht), sondern auch noch jede Menge guter Gedanken. Es ist so ein schönes Gefühl, zu beobachten, wie unter den braunen, trockenen Blättern die frischen, saftigen, grünen kraftvoll hervorschießen.

Nach zwei Tagen.

Nach zwei Tagen

150818_Kresse2_Gedankenexperiment

Nach 4 Tagen

Erweiterung des Experiments auf die Hängepflanze

Die Hängepflanze freut sich auch über gute Gedanken ^^

Zuhause

Zuhause in Leipzig

Zuhause in Leipzig und wo noch?
Gibt es nicht auch noch ein Auschde
Mit Troggebegge und Zimmerloch?

Gibt es nicht auch Hügel
Und Wein und ihm zu Ehr’ ein Fest?
Und ein paar Blümchen, große und kleine
Und Terrasse mit Sonne und Busch und Vogelnest?

Vielleicht auch am Sonntag die Kirche
Den Kuchen der Schwester
Und der andern Skypegespräche
Manches über die Grünen-Geläster
Und in Straubing einen Spatenstich?

Ist nicht alles normal und gut und richtig
Wenn in der Ferne die Autobahn rauscht?
Wenn gebaut, geschafft und beeilt wird
Und beim Karate trifft die Faust auf Faust?

Am Morgen scheint immer die Sonne
Und deshalb wirst du draußen sitzen
Ihr Licht im Gesicht
Und Müsli essen, noch ohne zu schwitzen.

Am Morgen läuft auch Mamas Waschmaschine
Und das Wellensittich-Gezeter.
Aber meistens sind sie friedlich
Mama verabschiedet sich zum Einkaufen
bis später.

Backbücher im Eckschrank
Orchideenpracht wohin du schaust
Fotos an der Wand von immer
Doch, das ist Beständigkeit
Auf die du baust.

Und Leipzig!
Gib es zu, du hast die gesucht
Die andre Welt jenseits der heilen
Voll von Kippen, Hundekot und Straßenbahnflucht
Und dich nachts durch den Park noch beeilen.

Ohne Bäume auch weniger hübsch
Und ohne Berge auch alles ganz schön flach
Allen Leute erzählst du deine Sehnsucht
Und bist doch ganz schön dankbar danach.

Hoppeln beim Bayrischen Bahnhof
Bremsen auf der Karli am Baustellenbrunnen
Schimpfen “Die Kälte ist so doof!”
Auf dem Weg nach Hause summen.

Gedankenexperimente II: Die Kresse

Meine Gedankenexperimente gehen weiter. Pam Grout schlägt im aktuellen Kapitel vor, den Versuch eines Wissenschaftlers nachzuahmen, der Pflanzen mit Liebe bzw. zeitgleich mit Gleichgültigkeit großziehen wollte. Im Buch soll der Versuch mit Bohnen erfolgen, ich habe keine Bohnen zu Hause und nehme deshalb Kresse (schon auch, weil ich mit der Erfahrung habe und somit mehr Sicherheit beim Versuche für mich habe ;)).
Also, jetzt steht in meiner Küche eine Schale mit “lieber” Kresse und einer Schale mit “böser”, also “gleichgültiger” Kresse. So sieht es aus (und ich mache Schleichwerbung von dem Buch, weil es mich so sehr inspiriert und mit mir selbst in Kontakt bringt):

150715_Gedankenexperiment_Kresse

Das Foto ist von Sonntagnacht. Ich habe vor, den Versuch bis Freitag laufen zu lassen und dann nochmal ein Foto hochzuladen… Mal schauen, ob die “liebe” Kresse tatsächlich auf meine gedankliche Beeinflussung reagiert und schneller, höher, schöner und kräftiger wächst, als die, welche ich (irgendwie auch mit einem schlechten Gewissen, denn Liebe ist ja doch irgendwie universal) bewusst versuche, zu ignorieren.

 

Metaphysisches (Denken=machen)

Es geht hier um das Denken im ganz praktischen Sinne: Wer denkt, macht. Es geht gar nicht anders. Während mir eine Freundin schon vor einer Weile begeistert von ihrer Lektüre eines Buches über Metaphyisk erzählt hatte, stand ich dem Thema bisher skeptisch bis uninteressiert gegenüber. Letzte Woche habe ich E(Quadrat) von Pam Grout in der Buchhandlung aufgestöbert, bis heute begeistert gelesen und heute früh mein erstes metaphysisches Experiment gemacht. Was dazu gebraucht wird, seht ihr auf dem Bild:

blog_150706_Metaphysisches

Draht [in jeder Form, Grout spricht in ihrem Buch von Drahtbügeln, so etwas besitze ich aber nicht…] und Plastikröhrchen/Strohhalme! Sorgt dafür, dass der Draht einigermaßen stabil ist und knickt ihn auf etwa einem Drittel der Länge, sodass ihr ihn in das Röhrchen stecken könnt, damit er sich frei bewegen kann.


Die Annahme des Versuches ist, dass unsere Gedanken die Welt, die wir sehen, beeinflussen können. Da ich seit einer Weile “Ein Kurs in Wundern” lese, war mir der Gedanke gar nicht mehr so fremd. Nur ausprobiert hatte ich es eben noch nicht.
Ziel des Experimentes ist es, die Drähte allein mit deinen Gedanken zur Bewegung zu bringen. Denke zuerst an etwas, das dich emotional aufwühlt. Die Drähte kreuzen sich dann. Wenn du an etwas denkst, was dich glücklich macht, gehen sie wieder auseinander.
Also, ihr habt die Anleitung! Der Spaß dauert mit Basteln 10 Minuten, und wenn ihr Lust auf ein bisschen Nervenkitzel habt, dann probiert’s aus. Meine Befunde teile ich an dieser Stelle nämlich nicht mit ;)

“Falta recenseadores para colher dados” – Sprach(en)politik in fraganti

Die zentralbrasilianische Zeitschrift “Revista Opção” hat ein Interview geführt mit Marco Bagno, Linguistik-Professor an der UnB (Universidade de Brasília). Es erschien in der Ausgab 2087 und behandelt zunächst die zentrale Frage nach der Unabhängigkeit des brasilianischen Sprachsystems vom Portugiesischen; daraus eröffnen sich weitere Felder wie brasilianische Sprach- und Sprachenpolitik, Analfabetismus, Brasiliens Rolle in der Welt, sowie die von brasilianischen Denkern oft konstatierte “Mentalität des Kolonisierten”. (Link zum Interview auf portugiesisch)

Bagno positioniert sich also zunächst politisch: Die Sprache an sich sei neutral, doch seien es die Linguisten, die Stellung zu beziehen hätten. Wer brasilianische Schriftsprache lese, dem müsse früher oder später auffallen, dass sie von Phänomenen durchzogen ist, die wenig bis gar nichts mit der traditionellen, von Portugiesen verfassten Grammatik zu tun habe. Ein Beispiel: In indo-europäischer Tradition ist das europäische Portugiesisch eine SVO-Sprache. Das bedeutet, dass im Satz zunächst derjenige genannt, wird, der die Handlung ausführt, wir nennen das bisher das Subjekt. Anschließend folgt das Verb, also die Handlung. Wenn es darüber hinaus noch ein an der Handlung beteiligtes Element gibt, dann heißt das Objekt (oder in Bagnos bevorzugter Terminologie complemento). Bagnos Beobachtung ist nun, dass im brasilianischen Portugiesischen das Verb immer öfter an erste Stelle gesetzt wird, und dann das Subjekt an die zweite rutscht. Die Folgen davon sind faszinierend und unterscheiden das brasilianische Portugiesisch nicht nur von dem der Portugiesen, sondern auch von allen anderen romanischen Sprachen: die Subjekt-Verb-Konkordanz fällt weg. Das heißt, wenn das Verb im Satz vorne steht, muss es nicht mehr zwangsläufig den Numerus seines eigentliches Subjekts haben – vielmehr übernimmt es eigenständig die Subjekt-Funktion:

“falta recenseadores para colher dados”, ist eines der Beispiele, die er nennt. Auf Deutsch würde gesagt werden: “Es fehlt Volkszählungsbeauftragte um Daten zu erheben.” Also: Verb im Singular, semantisches Subjekt aber im Plural. Das klingt natürlich erst einmal ganz grausig für Ohren, die an anderes gewöhnt sind, auch und gerade in der Übersetzung ins Deutsche. Und doch wird diese Reanalyse, also diese “Umdeutung von einer grammatischen Kategorie in eine andere”, bereits in vielen brasilianischen anerkannten Zeitschriften und Zeitschriften benutzt: dem Correio do Povo aus Campinas zum Beispiel, oder auch in dem Massenmedium Brasiliens schlechthin, O Globo aus Rio den Janeiro. Das aufgeführte Beispiel stammt aus der Zeitung des Konzerns.

Eine solche Verschiebung in der Morphosyntax ist eines von vielen Beispielen, welche Bagno aufführt, und die deutlich machen, weshalb es nachhaltig zu Spannungen zwischen den brasilianischen Linguisten und den portugiesischen Sprachpflegern kommt. Mit der Rechtschreibreform im Jahr 2010, welche einigend auf die offensichtlich auseinandertriftenden “Portugiesische” wirken sollte, tat sich ein weiterer Graben auf: Während die Brasilianer für die Durchführung der neuen Regeln nur 0,5% ihres Wortschatzes anders schreiben mussten (etwa “linguística” anstelle von “lingüística”), war es bei den Portugiesen 1%. Bagno führt diesen Unterschied auf die komplexe Phonologie des europäischen Portugiesisch zurück: für europäische Portugiesisch-Sprecher diene die Rechtschreibung immer noch als Orientierungshilfe für die Aussprache. Steht ein “c” vor “t” in “director”, so wird das vorhegende “e” anders ausgesprochen, als wenn da kein “c” ist. Die Rechtschreibreform verlangt aber, dass “c” abgeschafft wird, wo es nicht ausgesprochen wird (wie es in beiden Ländern beim Wort “director” der Fall ist). So sehen sich nun die Portugiesen mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre Schreibung plötzlich nicht mehr so nah an der Aussprache sein soll – ein Grund zum Protest gegen diese “Verbrasilianisierung” (abrasileirar a língua – die Sprache “verbrasilianisieren”).

Die Ausarbeitung dieser Unterschiede und Bagnos Schlussfolgerungen sowie sein daraus resultierendes, politisches Programm, machen meiner Meinung nach Folgendes deutlich: Sprachen bestehen immer nur in dem Kontext, in welchem ihre Nutzer sie verwenden. Wenn in ein, zwei, oder meinetwegen auch erst mehreren Jahren eine brasilianische Institution entscheidet, dass die Landessprache sich vom europäischen Portugiesisch entkoppeln und zukünftig als eigene Sprache gepflegt und ausgebaut werden soll, dann haben wir es hier mit einem handfesten Fall von “Spracherschaffung” mittels politischem Handeln zu tun. Es kamen die Portugiesen im 16. Jahrhundert in die Ecke der Welt, die heute Brasilien heißt. Sie brachten eine Sprache mit, die Portugiesisch hieß. Dann hieß das Land auf einmal Brasilien, und die Sprache blieb weiterhin “Portugiesisch”. Heute soll sie nicht mehr Portugiesisch heißen. In ein paar Jahren heißt sie vielleicht “Brasilianisch”. Ist sie noch dieselbe Sprache? Was sagt uns das über die allgemeine Natur dessen, was wir “Sprache” nennen? Eine gewagte, näher zu untersuchende These wäre, zu behaupten, dass Sprache überhaupt nur im Kontext unseres Über-Sie-Sprechens existiert und jenseits von politischen, sozialen und kulturellen Zuschreibungen keine Bedeutung, geschweigedenn eine Existenz hat. Das erinnert uns daran, was Judith Butler über das biologische Geschlecht geschrieben hat. Besteht da ein Zusammenhang? Wer weiß… was denkt ihr?

 

Ein Artikel über Partikel: Nein? – DOCH! // Un artículo sobre partículas: ¿No? ¡Sí!

Der Kontakt zum „Anderen“ ist immer der Kontakt zu sich selbst und führt im besten Falle hin und wieder zu einer Reise zu unseren Wurzeln zurück. Und zu unserer Muttersprache, über deren Abgründe wir so oft so gerne so fröhlich hinüberspringen.Konkret sah das für mich letzten Sonntag wieder so aus. Ich traf mich mit einer Freundin, die als Muttersprache Spanisch spricht, im Café, um mit ihr über einen Flyer zu sprechen. Sie lernt seit etwa einem Jahr Deutsch, auch wenn sie manchmal nicht viel Zeit hat. Auch als wir uns im Café trafen, hatte sie ihre Lernunterlagen dabei. Zunächst sprachen wir über die Flyer. Früher oder später kamen wir aber doch wieder auf das Thema „Deutsch lernen“ zurück.„Laura“, sagt sie zu mir, „hay una palabra en alemán que no entiendo. Creo que se utiliza cuando uno está discutiendo y uno dice sí! y el otro dice no!. Es algo como noch…. “ Ich verstehe sie nicht recht. “Noch significa ‘todavía‘“, meine ich unsicher. „No, pero es otro significado. Luego también lo utilizan en cartas muy formales, como por ejemplo del Job Center.” Es wird mir immer rätselhafter. “Hmm.” Ich erinnere mich an meine Au-Pair- und Deutschlehrerinnen-Zeit in Spanien. „DOCH!“, fällt mir ein. „La palabra que quieres decir es doch!“. Meine Freundin nickt zögerlich. Ich lache, als ich mich daran erinnere, wie oft ich versucht habe, meinem Au-Pair-Kind beizubringen, dass man in einer Diskussion auf Deutsch nicht mit „Ja“ auf ein „Nein“ antwortet, sondern eben mit „doch“.Hier sind ein paar Beispiele, die zeigen sollen, wie wir das Wörtlein doch[1] benutzen. Darunter habe ich mich an einer sinngemässen spanischen Übersetzung probiert: El contacto con el “otro” siempre es el contacto con uno mismo y en el mejor de los casos no lleva de vez en cuando de vuelta hacia nuestras propias raices. Y también a nuestra propia lengua materna, sobre cuyos abismos solemos saltar tantas veces tan despreocupadamente.La cosa es la siguiente: El domingo pasado me encontré con una amiga que es nativa del español en un café para hablar sobre unos flyers que íbamos a crear. Lleva más o menos un año estudiando alemán, aunque no siempre tiene mucho tiempo. También cuando nos encontramos en el café, llevaba sus documentos de estudiar. Nos pusimos a hablar sobre los flyers. Tarde o temprano, sin embargo, volvimos al tema de “aprender alemán”.“Laura”, me dice. “Es gibt im Deutschen ein Wort, das ich nicht verstehe. Ich glaube, man verwendet es, wenn man diskutiert und einer sagt Ja! und der andere sagt Nein! Es ist so was wie todavía…“ Sigo sin entenderla. „Todavía heisst „noch““, digo sin estar muy segura. “Nein, ich meine es hat auch noch eine andere Bedeutung. Man benutzt es auch bei sehr formellen Briefen, wie vom Jobcenter.“ Cada vez me parece más misterioso. „Hmm.“ Recuerdo mi tiempo de Au-Pair y de profesora de alemán en España. “¡SÍ!”, me acuerdo. “Das Wort, das du suchst, ist !“. Mi amiga asienta lentamente con la cabeza. Me río cuando me acuerdo cuántas veces yo había intentado enseñarle a la niña a la que cuidaba que en alemán no se respondía a un “no” en una discusión con “Ja”, sino, pues, con “doch”.Aquí les muestro unos ejemplos que deben mostrar, cómo utilizamos la palabra doch[1]. Debajo de cada ejemplo hay una traducción improvisada al español ;)

1) Du hast doch sonst keine Angst.

~ Normalmente no tienes miedo. ¿Qué te pasa?

2) Ich bin wieder erkältet. Dabei esse ich doch jeden Tag einen Apfel.

~ Otra vez estoz resfriada. Y eso, a pesar de comerme cada día una manzana.

3) Das sind doch María und Christian!

~ Pues, ¡si son María y Christian!

4) Der hat doch nie Geld.

~ Ese nunca tiene dinero.

5) Mach doch mal das Fenster zu.

~ Cierra la ventana, ¡¡si quieres!!

6) Geh doch zum Arzt.

~ ¿Por qué no vas al médico?

7) Hätte ich doch nur nicht vergessen, mein Handy mitzunehmen.

~ Esa frase es difícil de traducir. Creo que es porque respresenta una actitud de arreptentirse de algo ya pasado que no se puede cambiar. Veo esa actitud más común en la cultura alemana que en culturas hispanohablantes. Sin embargo, traduciría la frase más o menos así: Estaría más contenta si no se me hubiera olivdado llevar el cel.

8)

A: Ich gehe heute nicht zur Schule.

B: Doch, du gehst.

A: Nein.

B: Doch.

A: Nein.

B: Doch.

A: Nein.

B: Doch.

~ ( una discusión que puede ser interminable… )

[1] Es zählt in der germanistischen Sprachwissenschaft zu der Wortart der Partikeln. Partikel sind Wörter, die wir im weitesten Sinne als „unflektierte Wörter“ verstehen dürfen. Also solche, die nie verändert werden können. (Und gleichzeitig verändern sie selbst so viel…).
En la filología germanística, se cuenta al tipo de palabras de partículas. Partículas so palabras, que en el sentido más amplio, podemos entender como “palabras que no se pueden cambiar”. O sea, palabras que son inmodificables. (Y al mismo tiempo, modifican tanto…)

Papierwelt: Über Wirklich- und Kurzsichtigkeit

Die Wirklichkeit ist etwas anderes. Die Wirklichkeit bist du in Gott, die Wirklichkeit hat nichts mit dem zu tun, was du zu sehen, zu hören oder zu spüren glaubst.

Immer mehr erscheint mir so viel wie ein dünnes Blatt Papier, auf welches irgendjemand irgendetwas gekritzelt hat. Durchaus mit Mühe und esmero, aber eben mit halbleeren Filzstiften, die mehr Weiße als Farbe auf diesem zerknitterten Papier hinterlassen, in unsicheren Linien, unregelmäßig ausgefüllten Flächen und manchmal nicht ohne mitten im Strich aufzuhören. An manchen Stellen hast du schon so oft drüber gemalt, dass das Papier schon Löcher bekommen hat, andere liegen noch frei und bestehen auf Unregelmäßigkeit und auch auf die Fragezeichen, die sie hervorrufen.

Diese fadenscheinige Papierwelt halte ich mir bisweilen immer noch vor die Nase, füge Striche hinzu bzw. versuche, sie krampfthaft mit Radiergummi, Tintenkiller oder Tipp-Ex oder mit Überkleben zu verändern, weil sie eben so vollkommen unvollkommen ist. Ja, ich halte sie mir vor die Nase und zwinge mich: Glaub daran, das ist die Wahrheit. Und dann wundere ich mich, dass ich kurzsichtig werde. Haha.