“Als wir träumten” – Bei mir zu Hause (~Augmented Reality the Other Way Around~)

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Clemens Meyer veröffentlichte 2006 den Roman “Als wir träumten” (ja, er hat natürlich Recht, der Titel ist der Hammer!). Es geht um eine Gruppe junger Männer, die ihre Pubertät zu Wendezeiten in Leipzig erleben. Anfang 2015, als ich selbst schon in eineinhalb Jahre in der “Heldenstadt” wohnte, kam der gleichnamige Film in die Kinos. Gestern habe ich nun Meyers Roman zu Ende gelesen. Es war ein kleiner Kraftakt, aber er hat sich wirklich gelohnt.

Zu sagen, ich wäre hingerissen, ist das falsche Wort. Das Buch ist sehr tief reingegangen, es fühlt sich an, als würde man mit jeder Seite, die man liest, tiefer reingezogen in die Geschichte, als würde man fester an die Charaktere gebunden. Sie fühlen sich in meinen Gedanken inzwischen beinahe lebendig an, als würde ich sie persönlich kennen. Vielleicht kenne ich auch ein paar Leute vom Sehen in Leipzig, im Grenzgebiet zwischen Reudnitz und Anger-Crottendorf, wo ich wohne, denen ein ähnliches Schicksal wiederfahren ist wie Danie Lenz und seinen Kumpels in “Als wir träumten”. 160812TaettowiereTorgua_LVZ

Neben Meyers feiner Art, zu erzählen, war das Buch vor allem deshalb eine aufregendes Leseerlebnis für mich, weil ich, ohne es vorher geahnt zu haben,  immer wieder mit Schauplätzen konfrontiert wurde, die ich selbst aus meinem Alltag hier kenne – die alten Fabrikgebäude um den Lena-Vogt-Park herum, das Gebäude der Lotto-GmbH nahe des Ostfriedhofes, der S-Bahn Stötteritz, der Aldi hier um die Ecke, Rudi’s Schreibwarenladen… Augmented Reality, the other way around, könnte man sagen! Also – das Buch greift auf meine tatsächliche Lebensrealität zurück, ohne dass ich das vor dem Lesen hätte ahnen können. Wirklich ein spannendes Erlebnis! [Bilder der Original-Schauplätze, die heute noch identifizierbar sind, folgen]

Danie und seine Kumpels werden im Laufe des Romans auch öfters in den Knast gesteckt, wo sie sich dann tättowieren lassen. Treffenderweise veröffentlichte die LVZ letzte Woche in Interview mit einem Tättowierer aus Torgau – der haargenau DIE Geschichte erzählt, die wir im Roman von Danie und Rico erfahren. Ein Foto des Artikels findet ihr unten.

Also, “Als wir träumten”: Das war für mich in ganz vieler Hinsicht ein tolles Leseerlebnis. Jetzt wartet noch der Film!

 

Alte Medien und neue Inhalte?

Eigentlich sind es zwei alte Medien, von denen ich jetzt schreiben werde. Es geht um einen Kinofilm und ein Comicheft, konkret um “Marsian” mit Matt Damon und “Asterix und die Schriftrolle des Cäsar”. “Marsian”, oder deutsch: “Marsianer” hatte am 8.10.2015 in Deutschland Premiere, “Asterix und die Schriftrolle des Cäsar” ist ebenfalls in diesem Jahr bei Egmont Ehapa Medien GmbH erschienen. Zwar mussten wir uns bei Matt Damon, der den Marsianer Mark Watney spielt, 3-D-Brillen auf die Nase setzen, und mit seinen 148 Minuten ist er auch ein ziemlich langer Film, doch vieles bleibt beim Alten: Wir sitzen in den Sesseln, noch umkriechen uns keine Düfte, die auf uns zufliegenden Mars-Partikel sind nur mäßig realistisch wahrzunehmen (von der zweiten Reihe aus). Was ich wirklich neu und bemerkenswert finde an diesem Film, und vielleicht merkt man daran auch, dass ich schon länger keine richtigen Hollywood-Science-Fiction-Blockbuster gesehen habe, sind folgende Punkte: Der Leiter der Mars-Mission der NASA ist Schwarzer [als ich vor ca. 10 Jahren noch regelmäßiger ins Kino gegangen bin, wäre diese Rolle mit einem glattrasierten Weißen besetzt gewesen]. Die Kommandantin der Crew auf dem Mars und in der Raumfähre Hermes ist eine Frau (und es ist noch eine weitere dabei). Als Gegenspieler der USA tauchen zunächst nicht die Russen auf [sie tauchen gar nicht auf]; diesen Part haben die Chinesen übernommen, aber die werden wiederum lieb und kooperieren mit den US-Amerikanern, um Mark Watney nach Hause zu holen. Und, ganz wichtig: Es gibt keinen Sex im Film.

Alles in allem lässt sich also sagen, dass sich in diesem Film ein sich wandelndes Weltbild finden lässt, wenn man, wie ich ;), danach sucht. Oder zumindest eines, das sich einer sich wandelnden Welt angepasst hat.

Was Asterix betrifft, so pack ich an dieser Stelle meine Literaturwissenschaftskenntnisse aus. Der neue Band ist Metafiktion pur. Und zwar ist er das aus zweierlei Gründen: Erstens wird Cäsars Werk “De Bello Gallico” erwähnt [ja, genau das, in dem der Autor selbst von sich ständig in der dritten Person spricht]; und zweitens tauchen die Schöpfer der Comicserie am Ende des Heftes selbst im Comic auf. Das Papyrus des Cäsars ist nämlich [und an dieser Stelle hören bitte Menschen zu lesen auf, die sich den Band noch persönlich vorknöpfen wollen] der unterschlagene Teil des Bello Gallico, welchen Cäsars PR-Berater lieber nicht veröffentlich sehen wollte. Cäsar schreibt in diesem Teil nämlich von seinen Niederlagen gegen die Gallier in Asterix’ und Obelix’ Dorf [was an dieser Stelle von meiner Seite als ein Pluspunkt an die Figur des Cäsars in der Geschichte zu werten ist und damit ein Lob an die Autoren]. Jener PR-Berater Syndicus ordnet an, dass alle bereits kopierten Schriftrollen zerstört werden, was ihm natürlich misslingt. Eine davon gelangt in Asterix’ Dorf. Das Ende vom Lied ist, und hier dockt der zweite Metafiktionalitätspunkt an, den ich sehe, dass die Schriftrolle über Miraculix’ Druidengilde bis in unsere heutige Zeit oral weitergegeben wird, bis wir -tralala- auf der letzten Seite des Heftes eben betrachten können, wie ein langhaariger, alter weißer Mann zwei Jungen Journalisten diese Geschichten erzählt. Hier haben wir den Entstehungsmythos der Asterix-Hefte, selbst in einem Heft erzählt.

Ist der erste Punkt eigentlich charakteristisch und wahrscheinlich das Erfolgsgeheimnis für die Asterix-Serie, nämlich, dass Elemente aus der römischen Geschichte in Europa in die Geschichte um das gallische Dorf eingewoben werden, so ist der zweite Punkt meines Wissens nach zumindest neu: Dass die beiden bereits verstorbenen Autoren René Goscinny und Albert Uderzo im Heft selbst auftauchen, kitzelt den Leser ganz schön, sorgt für ein überraschendes Aha-Erlebnis und macht das Heft damit zu einer für mich sehr positiven Überraschung. Von allen anderen gelungenen Anspielungen, die das Heft ebenfalls lesenswert machen, erzählt euch z.B. die Wikipedia.

Auch wenn beide Formate also, wie gesagt, eher alt und noch konventionell sind, haben mich doch ihre Inhalte sehr positiv überrascht. Ich freue mich, dass es solche Art von Unterhaltung gibt.

(Fortsetzung) Gedankenexperiment II: Die Kresse

Es gab Ergebnisse. Ich habe das Kresse-Experiment etwa eine Woche nachdem dazu gehörigen Eintrag beendet. Das Ergebnis seht ihr unten. Außerdem habe ich es auch auf eine meiner liebsten Zimmerpflanzen ausweiten können (drittes Foto). Sie ist etwas anspruchsvoller als die Kresse: Sie hat während der letzten zwei Monate so vor sich hergelummelt. Bis ich mich dazu entschieden habe, dass das so nicht weitergeht. Seitdem schenke ich ihr nicht nur mehrmals pro Woche ein bisschen Wasser (nicht so wie die Orchideen, denen einmal die Woche reicht), sondern auch noch jede Menge guter Gedanken. Es ist so ein schönes Gefühl, zu beobachten, wie unter den braunen, trockenen Blättern die frischen, saftigen, grünen kraftvoll hervorschießen.

Nach zwei Tagen.

Nach zwei Tagen

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Nach 4 Tagen

Erweiterung des Experiments auf die Hängepflanze

Die Hängepflanze freut sich auch über gute Gedanken ^^

Zuhause

Zuhause in Leipzig

Zuhause in Leipzig und wo noch?
Gibt es nicht auch noch ein Auschde
Mit Troggebegge und Zimmerloch?

Gibt es nicht auch Hügel
Und Wein und ihm zu Ehr’ ein Fest?
Und ein paar Blümchen, große und kleine
Und Terrasse mit Sonne und Busch und Vogelnest?

Vielleicht auch am Sonntag die Kirche
Den Kuchen der Schwester
Und der andern Skypegespräche
Manches über die Grünen-Geläster
Und in Straubing einen Spatenstich?

Ist nicht alles normal und gut und richtig
Wenn in der Ferne die Autobahn rauscht?
Wenn gebaut, geschafft und beeilt wird
Und beim Karate trifft die Faust auf Faust?

Am Morgen scheint immer die Sonne
Und deshalb wirst du draußen sitzen
Ihr Licht im Gesicht
Und Müsli essen, noch ohne zu schwitzen.

Am Morgen läuft auch Mamas Waschmaschine
Und das Wellensittich-Gezeter.
Aber meistens sind sie friedlich
Mama verabschiedet sich zum Einkaufen
bis später.

Backbücher im Eckschrank
Orchideenpracht wohin du schaust
Fotos an der Wand von immer
Doch, das ist Beständigkeit
Auf die du baust.

Und Leipzig!
Gib es zu, du hast die gesucht
Die andre Welt jenseits der heilen
Voll von Kippen, Hundekot und Straßenbahnflucht
Und dich nachts durch den Park noch beeilen.

Ohne Bäume auch weniger hübsch
Und ohne Berge auch alles ganz schön flach
Allen Leute erzählst du deine Sehnsucht
Und bist doch ganz schön dankbar danach.

Hoppeln beim Bayrischen Bahnhof
Bremsen auf der Karli am Baustellenbrunnen
Schimpfen “Die Kälte ist so doof!”
Auf dem Weg nach Hause summen.

Gedankenexperimente II: Die Kresse

Meine Gedankenexperimente gehen weiter. Pam Grout schlägt im aktuellen Kapitel vor, den Versuch eines Wissenschaftlers nachzuahmen, der Pflanzen mit Liebe bzw. zeitgleich mit Gleichgültigkeit großziehen wollte. Im Buch soll der Versuch mit Bohnen erfolgen, ich habe keine Bohnen zu Hause und nehme deshalb Kresse (schon auch, weil ich mit der Erfahrung habe und somit mehr Sicherheit beim Versuche für mich habe ;)).
Also, jetzt steht in meiner Küche eine Schale mit “lieber” Kresse und einer Schale mit “böser”, also “gleichgültiger” Kresse. So sieht es aus (und ich mache Schleichwerbung von dem Buch, weil es mich so sehr inspiriert und mit mir selbst in Kontakt bringt):

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Das Foto ist von Sonntagnacht. Ich habe vor, den Versuch bis Freitag laufen zu lassen und dann nochmal ein Foto hochzuladen… Mal schauen, ob die “liebe” Kresse tatsächlich auf meine gedankliche Beeinflussung reagiert und schneller, höher, schöner und kräftiger wächst, als die, welche ich (irgendwie auch mit einem schlechten Gewissen, denn Liebe ist ja doch irgendwie universal) bewusst versuche, zu ignorieren.

 

Metaphysisches (Denken=machen)

Es geht hier um das Denken im ganz praktischen Sinne: Wer denkt, macht. Es geht gar nicht anders. Während mir eine Freundin schon vor einer Weile begeistert von ihrer Lektüre eines Buches über Metaphyisk erzählt hatte, stand ich dem Thema bisher skeptisch bis uninteressiert gegenüber. Letzte Woche habe ich E(Quadrat) von Pam Grout in der Buchhandlung aufgestöbert, bis heute begeistert gelesen und heute früh mein erstes metaphysisches Experiment gemacht. Was dazu gebraucht wird, seht ihr auf dem Bild:

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Draht [in jeder Form, Grout spricht in ihrem Buch von Drahtbügeln, so etwas besitze ich aber nicht…] und Plastikröhrchen/Strohhalme! Sorgt dafür, dass der Draht einigermaßen stabil ist und knickt ihn auf etwa einem Drittel der Länge, sodass ihr ihn in das Röhrchen stecken könnt, damit er sich frei bewegen kann.


Die Annahme des Versuches ist, dass unsere Gedanken die Welt, die wir sehen, beeinflussen können. Da ich seit einer Weile “Ein Kurs in Wundern” lese, war mir der Gedanke gar nicht mehr so fremd. Nur ausprobiert hatte ich es eben noch nicht.
Ziel des Experimentes ist es, die Drähte allein mit deinen Gedanken zur Bewegung zu bringen. Denke zuerst an etwas, das dich emotional aufwühlt. Die Drähte kreuzen sich dann. Wenn du an etwas denkst, was dich glücklich macht, gehen sie wieder auseinander.
Also, ihr habt die Anleitung! Der Spaß dauert mit Basteln 10 Minuten, und wenn ihr Lust auf ein bisschen Nervenkitzel habt, dann probiert’s aus. Meine Befunde teile ich an dieser Stelle nämlich nicht mit ;)

“Falta recenseadores para colher dados” – Sprach(en)politik in fraganti

Die zentralbrasilianische Zeitschrift “Revista Opção” hat ein Interview geführt mit Marco Bagno, Linguistik-Professor an der UnB (Universidade de Brasília). Es erschien in der Ausgab 2087 und behandelt zunächst die zentrale Frage nach der Unabhängigkeit des brasilianischen Sprachsystems vom Portugiesischen; daraus eröffnen sich weitere Felder wie brasilianische Sprach- und Sprachenpolitik, Analfabetismus, Brasiliens Rolle in der Welt, sowie die von brasilianischen Denkern oft konstatierte “Mentalität des Kolonisierten”. (Link zum Interview auf portugiesisch)

Bagno positioniert sich also zunächst politisch: Die Sprache an sich sei neutral, doch seien es die Linguisten, die Stellung zu beziehen hätten. Wer brasilianische Schriftsprache lese, dem müsse früher oder später auffallen, dass sie von Phänomenen durchzogen ist, die wenig bis gar nichts mit der traditionellen, von Portugiesen verfassten Grammatik zu tun habe. Ein Beispiel: In indo-europäischer Tradition ist das europäische Portugiesisch eine SVO-Sprache. Das bedeutet, dass im Satz zunächst derjenige genannt, wird, der die Handlung ausführt, wir nennen das bisher das Subjekt. Anschließend folgt das Verb, also die Handlung. Wenn es darüber hinaus noch ein an der Handlung beteiligtes Element gibt, dann heißt das Objekt (oder in Bagnos bevorzugter Terminologie complemento). Bagnos Beobachtung ist nun, dass im brasilianischen Portugiesischen das Verb immer öfter an erste Stelle gesetzt wird, und dann das Subjekt an die zweite rutscht. Die Folgen davon sind faszinierend und unterscheiden das brasilianische Portugiesisch nicht nur von dem der Portugiesen, sondern auch von allen anderen romanischen Sprachen: die Subjekt-Verb-Konkordanz fällt weg. Das heißt, wenn das Verb im Satz vorne steht, muss es nicht mehr zwangsläufig den Numerus seines eigentliches Subjekts haben – vielmehr übernimmt es eigenständig die Subjekt-Funktion:

“falta recenseadores para colher dados”, ist eines der Beispiele, die er nennt. Auf Deutsch würde gesagt werden: “Es fehlt Volkszählungsbeauftragte um Daten zu erheben.” Also: Verb im Singular, semantisches Subjekt aber im Plural. Das klingt natürlich erst einmal ganz grausig für Ohren, die an anderes gewöhnt sind, auch und gerade in der Übersetzung ins Deutsche. Und doch wird diese Reanalyse, also diese “Umdeutung von einer grammatischen Kategorie in eine andere”, bereits in vielen brasilianischen anerkannten Zeitschriften und Zeitschriften benutzt: dem Correio do Povo aus Campinas zum Beispiel, oder auch in dem Massenmedium Brasiliens schlechthin, O Globo aus Rio den Janeiro. Das aufgeführte Beispiel stammt aus der Zeitung des Konzerns.

Eine solche Verschiebung in der Morphosyntax ist eines von vielen Beispielen, welche Bagno aufführt, und die deutlich machen, weshalb es nachhaltig zu Spannungen zwischen den brasilianischen Linguisten und den portugiesischen Sprachpflegern kommt. Mit der Rechtschreibreform im Jahr 2010, welche einigend auf die offensichtlich auseinandertriftenden “Portugiesische” wirken sollte, tat sich ein weiterer Graben auf: Während die Brasilianer für die Durchführung der neuen Regeln nur 0,5% ihres Wortschatzes anders schreiben mussten (etwa “linguística” anstelle von “lingüística”), war es bei den Portugiesen 1%. Bagno führt diesen Unterschied auf die komplexe Phonologie des europäischen Portugiesisch zurück: für europäische Portugiesisch-Sprecher diene die Rechtschreibung immer noch als Orientierungshilfe für die Aussprache. Steht ein “c” vor “t” in “director”, so wird das vorhegende “e” anders ausgesprochen, als wenn da kein “c” ist. Die Rechtschreibreform verlangt aber, dass “c” abgeschafft wird, wo es nicht ausgesprochen wird (wie es in beiden Ländern beim Wort “director” der Fall ist). So sehen sich nun die Portugiesen mit der Tatsache konfrontiert, dass ihre Schreibung plötzlich nicht mehr so nah an der Aussprache sein soll – ein Grund zum Protest gegen diese “Verbrasilianisierung” (abrasileirar a língua – die Sprache “verbrasilianisieren”).

Die Ausarbeitung dieser Unterschiede und Bagnos Schlussfolgerungen sowie sein daraus resultierendes, politisches Programm, machen meiner Meinung nach Folgendes deutlich: Sprachen bestehen immer nur in dem Kontext, in welchem ihre Nutzer sie verwenden. Wenn in ein, zwei, oder meinetwegen auch erst mehreren Jahren eine brasilianische Institution entscheidet, dass die Landessprache sich vom europäischen Portugiesisch entkoppeln und zukünftig als eigene Sprache gepflegt und ausgebaut werden soll, dann haben wir es hier mit einem handfesten Fall von “Spracherschaffung” mittels politischem Handeln zu tun. Es kamen die Portugiesen im 16. Jahrhundert in die Ecke der Welt, die heute Brasilien heißt. Sie brachten eine Sprache mit, die Portugiesisch hieß. Dann hieß das Land auf einmal Brasilien, und die Sprache blieb weiterhin “Portugiesisch”. Heute soll sie nicht mehr Portugiesisch heißen. In ein paar Jahren heißt sie vielleicht “Brasilianisch”. Ist sie noch dieselbe Sprache? Was sagt uns das über die allgemeine Natur dessen, was wir “Sprache” nennen? Eine gewagte, näher zu untersuchende These wäre, zu behaupten, dass Sprache überhaupt nur im Kontext unseres Über-Sie-Sprechens existiert und jenseits von politischen, sozialen und kulturellen Zuschreibungen keine Bedeutung, geschweigedenn eine Existenz hat. Das erinnert uns daran, was Judith Butler über das biologische Geschlecht geschrieben hat. Besteht da ein Zusammenhang? Wer weiß… was denkt ihr?

 

Ein Artikel über Partikel: Nein? – DOCH! // Un artículo sobre partículas: ¿No? ¡Sí!

Der Kontakt zum „Anderen“ ist immer der Kontakt zu sich selbst und führt im besten Falle hin und wieder zu einer Reise zu unseren Wurzeln zurück. Und zu unserer Muttersprache, über deren Abgründe wir so oft so gerne so fröhlich hinüberspringen.Konkret sah das für mich letzten Sonntag wieder so aus. Ich traf mich mit einer Freundin, die als Muttersprache Spanisch spricht, im Café, um mit ihr über einen Flyer zu sprechen. Sie lernt seit etwa einem Jahr Deutsch, auch wenn sie manchmal nicht viel Zeit hat. Auch als wir uns im Café trafen, hatte sie ihre Lernunterlagen dabei. Zunächst sprachen wir über die Flyer. Früher oder später kamen wir aber doch wieder auf das Thema „Deutsch lernen“ zurück.„Laura“, sagt sie zu mir, „hay una palabra en alemán que no entiendo. Creo que se utiliza cuando uno está discutiendo y uno dice sí! y el otro dice no!. Es algo como noch…. “ Ich verstehe sie nicht recht. “Noch significa ‘todavía‘“, meine ich unsicher. „No, pero es otro significado. Luego también lo utilizan en cartas muy formales, como por ejemplo del Job Center.” Es wird mir immer rätselhafter. “Hmm.” Ich erinnere mich an meine Au-Pair- und Deutschlehrerinnen-Zeit in Spanien. „DOCH!“, fällt mir ein. „La palabra que quieres decir es doch!“. Meine Freundin nickt zögerlich. Ich lache, als ich mich daran erinnere, wie oft ich versucht habe, meinem Au-Pair-Kind beizubringen, dass man in einer Diskussion auf Deutsch nicht mit „Ja“ auf ein „Nein“ antwortet, sondern eben mit „doch“.Hier sind ein paar Beispiele, die zeigen sollen, wie wir das Wörtlein doch[1] benutzen. Darunter habe ich mich an einer sinngemässen spanischen Übersetzung probiert: El contacto con el “otro” siempre es el contacto con uno mismo y en el mejor de los casos no lleva de vez en cuando de vuelta hacia nuestras propias raices. Y también a nuestra propia lengua materna, sobre cuyos abismos solemos saltar tantas veces tan despreocupadamente.La cosa es la siguiente: El domingo pasado me encontré con una amiga que es nativa del español en un café para hablar sobre unos flyers que íbamos a crear. Lleva más o menos un año estudiando alemán, aunque no siempre tiene mucho tiempo. También cuando nos encontramos en el café, llevaba sus documentos de estudiar. Nos pusimos a hablar sobre los flyers. Tarde o temprano, sin embargo, volvimos al tema de “aprender alemán”.“Laura”, me dice. “Es gibt im Deutschen ein Wort, das ich nicht verstehe. Ich glaube, man verwendet es, wenn man diskutiert und einer sagt Ja! und der andere sagt Nein! Es ist so was wie todavía…“ Sigo sin entenderla. „Todavía heisst „noch““, digo sin estar muy segura. “Nein, ich meine es hat auch noch eine andere Bedeutung. Man benutzt es auch bei sehr formellen Briefen, wie vom Jobcenter.“ Cada vez me parece más misterioso. „Hmm.“ Recuerdo mi tiempo de Au-Pair y de profesora de alemán en España. “¡SÍ!”, me acuerdo. “Das Wort, das du suchst, ist !“. Mi amiga asienta lentamente con la cabeza. Me río cuando me acuerdo cuántas veces yo había intentado enseñarle a la niña a la que cuidaba que en alemán no se respondía a un “no” en una discusión con “Ja”, sino, pues, con “doch”.Aquí les muestro unos ejemplos que deben mostrar, cómo utilizamos la palabra doch[1]. Debajo de cada ejemplo hay una traducción improvisada al español ;)

1) Du hast doch sonst keine Angst.

~ Normalmente no tienes miedo. ¿Qué te pasa?

2) Ich bin wieder erkältet. Dabei esse ich doch jeden Tag einen Apfel.

~ Otra vez estoz resfriada. Y eso, a pesar de comerme cada día una manzana.

3) Das sind doch María und Christian!

~ Pues, ¡si son María y Christian!

4) Der hat doch nie Geld.

~ Ese nunca tiene dinero.

5) Mach doch mal das Fenster zu.

~ Cierra la ventana, ¡¡si quieres!!

6) Geh doch zum Arzt.

~ ¿Por qué no vas al médico?

7) Hätte ich doch nur nicht vergessen, mein Handy mitzunehmen.

~ Esa frase es difícil de traducir. Creo que es porque respresenta una actitud de arreptentirse de algo ya pasado que no se puede cambiar. Veo esa actitud más común en la cultura alemana que en culturas hispanohablantes. Sin embargo, traduciría la frase más o menos así: Estaría más contenta si no se me hubiera olivdado llevar el cel.

8)

A: Ich gehe heute nicht zur Schule.

B: Doch, du gehst.

A: Nein.

B: Doch.

A: Nein.

B: Doch.

A: Nein.

B: Doch.

~ ( una discusión que puede ser interminable… )

[1] Es zählt in der germanistischen Sprachwissenschaft zu der Wortart der Partikeln. Partikel sind Wörter, die wir im weitesten Sinne als „unflektierte Wörter“ verstehen dürfen. Also solche, die nie verändert werden können. (Und gleichzeitig verändern sie selbst so viel…).
En la filología germanística, se cuenta al tipo de palabras de partículas. Partículas so palabras, que en el sentido más amplio, podemos entender como “palabras que no se pueden cambiar”. O sea, palabras que son inmodificables. (Y al mismo tiempo, modifican tanto…)

Papierwelt: Über Wirklich- und Kurzsichtigkeit

Die Wirklichkeit ist etwas anderes. Die Wirklichkeit bist du in Gott, die Wirklichkeit hat nichts mit dem zu tun, was du zu sehen, zu hören oder zu spüren glaubst.

Immer mehr erscheint mir so viel wie ein dünnes Blatt Papier, auf welches irgendjemand irgendetwas gekritzelt hat. Durchaus mit Mühe und esmero, aber eben mit halbleeren Filzstiften, die mehr Weiße als Farbe auf diesem zerknitterten Papier hinterlassen, in unsicheren Linien, unregelmäßig ausgefüllten Flächen und manchmal nicht ohne mitten im Strich aufzuhören. An manchen Stellen hast du schon so oft drüber gemalt, dass das Papier schon Löcher bekommen hat, andere liegen noch frei und bestehen auf Unregelmäßigkeit und auch auf die Fragezeichen, die sie hervorrufen.

Diese fadenscheinige Papierwelt halte ich mir bisweilen immer noch vor die Nase, füge Striche hinzu bzw. versuche, sie krampfthaft mit Radiergummi, Tintenkiller oder Tipp-Ex oder mit Überkleben zu verändern, weil sie eben so vollkommen unvollkommen ist. Ja, ich halte sie mir vor die Nase und zwinge mich: Glaub daran, das ist die Wahrheit. Und dann wundere ich mich, dass ich kurzsichtig werde. Haha.

Übers Schreiben

Dies soll ja nun ein Blog übers Schreiben und zum Schreiben sein. Ja, alle Blogs sind so, ja, das Wort Blog impliziert/beinhaltet ja offensichtlich die menschliche Kulturtechnik des Schreibens. Ich trete diese Tatsache jetzt mal breit.

Schreiben lässt sich viel. Vor allem lässt sich im Deutschen das Wort mit ganz vielen Präfixen schreiben

ab- schreiben (das tut derjenige, der gerade nichts mehr zu schreiben weiß, und sich aus irgendwelchen Gründen aber gedrängt fühlt, noch mehr zu schreiben)
be- schreiben (kannst du entweder deine Füße, deine Hände, dein Blatt Papier im ganz konkreten Sinne mit Tinte [in Chico Buarques Roman “Budapeste” spielt ein Frauen-Beschreiber, der ginôgrafo, eine entscheidende Rolle] oder ein Bild, ein Erlebnis und einen abartigen Geruch mit Kraftausdrücken im abstrakten Sinne)
ver- schreiben (kannst du dich ebenfalls im konkreten Sinne, wenn du danach ein Wort durchstreichen musst [aber das tut ja niemand mehr, weil wir ja alle bloß noch tippen], oder aber du überlässt den Spaß deinem Arzt, wenn du Lust hast auf Antibiotika, Nasenspray und so weiter)
auf- schreiben (ist wiederum einfach: Das, was ich hier gerade mit absonderlichen Ideen tue.)

Gerade das Aufschreiben hat mir in meinem Leben oft als Ausdrucksform dessen gedient, was in mir lebendig ist. Noch stapeln sich in meinem alten Zimmer Tagebücher, die ich als Kind, Jugendliche und nahezu junge Erwachsene, vollgeschrieben habe und in denen ich eben alles aufgeschrieben habe, was mir so durch den Kopf ging. Gerade die allerältesten Schriften lösen in mir immer wieder Erstaunen aus, wie ungefiltert eine Elfjährige ihrem Zorn oder auch ihrem ungeschminktem Egozentrismus freien Lauf lassen kann, wenn sie im Tagebuch alleine unter sich (ja, das Paradox ist Absicht!) ist. Ein Zitat dazu wäre: “Bitte, XXX, bleibe die Freundin, die du jetzt bist! Nämlich meine Zweitbeste!” Gleichzeitig kommt aber auch der Zorn ganz ungefiltert raus, etwas, das wir beim “Erwachsen werden” bzw. beim “mit der Welt immer klarer Kommen” zunächst vielleicht meinen, vergessen oder vermeiden zu müssen: “Und YYY kotzt mich an. Die war heut schon wieder net da. Hab den Klassentagebuchdienst alleine machen können. Schmoll.”

Wenn wir hier und heute noch etwas übers Beschreiben sagen wollen, das ich sozusagen als Gegenteil oder auch nur als nächste Stufe zum Aufschreiben erkannt habe, dann belasse ich es mystisch mit einem Zitat des persischen Diechters Rumi (1207-1273), das ich in der “Gewaltfreien Kommunikation” von Marshall B. Rosenberg gefunden habe:

“Beyong our ideas of right-doing and wrong-doing, there is a field. I’ll meet you there.”